Archiv 2016

06.12.2016 

Leute, schnell die Augen auf, 
Heut Nacht kam doch der Nikolaus. 
Kurz gegähnt, gereckt, gestreckt 
Dann schau'n, was in den Stiefeln steckt. 

Gestern noch fleißig geschrubbt und geputzt, 
Mal schauen, ob das nun was nutzt. 
Raus aus dem Bett, die Treppe runter, 
Quicklebendig und putzmunter. 

Prall gefüllt und reich bestückt, 
Steh'n sie da, ich bin entzückt. 
Ei, was ist da? Nüsse und Pralinen, 
Und es duftet nach Mandarinen.  

Ganz tief unten steckt ein Päckchen, 
Drin liegt ein kleines rotes Säckchen. 
Schnell mach ich's auf und schau hinein, 
Ein Zettelchen; was kann das sein? 

Darauf standen diese Zeilen, 
Und ich will sie mit euch teilen: 

"Liebes Kind, ob groß, ob klein, 
Heute sollst du fröhlich sein. 
Doch nicht nur an dich selber denken,  
Auch Andren sollst du Freude schenken. 
Tust du's von Herzen, dann bekommst du dafür, 
Vielmehr als die Nüsse und Pralinen von mir. 
Es wärmt das Herz, es bringt dir Glück, 
Und so kehrt die Freude zu dir zurück." 

Diese paar Worte machen mich froh, 
Ich hoffe, nun geht es euch ebenso. 

Und nun wünsch ich jedem der mich mag, 
Einen wundervollen Nikolaustag. 

 

 

29.11.16 
Fast 2 Uhr nachts.  
Husten hält mich wach.  
Und Nicky, die wegen Alpträumen unruhig schläft. Also hole ich sie zu uns ins Bett. 

Ohne Licht hat sie Angst, also brennt das kleine lila Lämpchen. Und da ich ohnehin wach war und bin, frustet der Zwergenumzug auch nicht. Ich habe die Gelassenheit, mein Mädchen zu beobachten. Sie hat sich gleich unter Papas Decke gekuschelt und macht ihm nun das Kissen streitig. Auf dem Rücken liegend tätschelt sie im immer gleichen Rhythmus das Wäschezeichen ihrer Kuschelpuppi. Wie eine Selbsthypnose. Sie wird langsamer. Die Gesichtszüge entspannen sich. Das Händchen sinkt hinab. Das Mäuschen schläft.  

Und ich gucke. Ich studiere. Jeden Zentimeter ihres Gesichtes. Alles so vertraut. Dieses Wort trifft es eigentlich nicht mal annähernd. Es ist eine Mischung von Vertrautheit, Liebe und Erinnerungen. Nur zwischen Eltern und Kindern und zwischen wahrhaft Liebenden herrscht diese besondere Art der Vertrautheit. Ohne jede Berührung fühle ich alles an ihr. Die weichen Haare, die so gut riechen. Die zarte Haut der Wangen, die sie jedes Mal an meine drückt, wenn wir kuscheln. Die winzige Nase, die sie oft wie Eskimo-Küsschen an meine reibt. Die Zuckerschnute, die so süße Kussis aufdrückt. Die wunderschönen Augen, die so liebend, leidenschaftlich, wütend, traurig, lachend gucken können. Herzzerreißend, wenn die Tränchen kullern... 

Ach mein süßes kleines Mädchen. Kürzlich hat sie sich einen neuen Papa gewünscht. Einen starken und gesunden Papa. Das entsetzt. Aus dem Nichts heraus zeigt sie, wie sehr sie das alles beschäftigt. Dabei ist Paul jeden Tag kräftiger und präsenter. Der Alltag normalisiert sich weitestgehend. Und doch steckt es allen Dreien in den Knochen. Als Mama fällt es mir so schwer, meine Mädchen nicht vor diesem Kummer bewahren zu können... 

Umso schöner, jetzt zu sehen, wie gut ihr die Nähe zu ihrem Papa tut. Sie dreht sich zu ihm, er deckt sie nochmal zu, legt seinen Arm um sie und spürt den warmen Atem an seiner Brust. Und ich schaue ihnen zu.  

Und mein Herz berstet fast vor Liebe... 

 

 

21.11.16 
Um uns in Anwesenheit der Kinder über sie auszutauschen, greifen wir mittlerweile zu befremdlichen Mitteln. Angefangen mit Worten, mit denen sie nix anfangen können: Nachwuchs, unsere Jüngste, der dicke Mann in rot, Präsente, usw. Da der Wortschatz unserer Kinder aber zunimmt, sprechen wir derzeit Englisch miteinander. Naja, zugegebenermaßen Denglisch, weil Paul in der Schule Russisch und nicht Englisch gelernt hat und im Prinzip nur einiges von Top Gear oder Metallica kennt. So zum Beispiel sagte ich kürzlich zu ihm: "Now I trockne my hair and drive to the Apotheke and hol your medicin and then I buy a Stiege milk for the kids.", denn die Kinder lieben Einkaufen. Haben sie die Lauschlappen aber zu sehr auf Empfang gestellt und würden fragen fragen fragen, bis wir übersetzen, schreiben wir nebeneinander auf dem Sofa sitzend schonmal SMS... 

Spätestens wenn sie lesen können, müssen wir also mit Spanisch anfangen...  

In diesem Sinne Buenos diaz, my friends... 

 

 

 

18.11.16 
Ich kann nich mehr schlafen. Dreh mich von A nach B. Mir is langweilig. Zurück von B nach A. Immernoch langweilig. Ich piekse Paul wach. 

Er schreckt hoch, sammelt sich und sagt: "Ey, ick hab von Tom Cruise geträumt." 
Ich not amused: "Mmh... hochinteressant." 
Er: "Ick hätt dem beinah uffs Maul gehaun." 
Ich: "Watt'n, wollte er nüscht von dir?..." 
Er rollt mit den Augen. 
Ich: "... oder wollta dir seine Religion aufschwatzen?" 
Er: "Nee, der war hier bei uns zuhause und hat n dreckigen Teller aufn Bodn gestellt..." 
Ich gespielt entrüstet: "So ein Ferkel!" 
Er: "... und dann hab ick gesagt, er soll den aufheben..." 
Ich gespielt gespannt: "Hatta?" 
Er: "Hatta nich!" 
Ich gespielt entrüstet: "Kackendreist!" 
Er: "Denn wollt ick ihm eene klatschen..." 
Ich schmunzel verächtlich: "Haste?" 
Er: "Nee, da haste mich geweckt." 
Ich: "Ach, an so einem Furunkel musste dir och nich die Hände dreckig machen." 
Er: "Mmh." 
Ich: "Guck ma, is doch och verständlich." 
Er: "Ach..." 
Ich: "Ja, weeßte, für den Zwerg is ja der Boden näher als die Tischplatte; also hatta ditt da hingestellt." 
Er: "Ditt kann's sein." 
Ich gespielt aufgeregt: "Ey, weeßte watt ick geträumt hab?" 
Er gespielt interessiert: "Na erzähl schon..." 
Ich: "Ick hab geträumt, Uschi Glas kommt zu uns nach Hause." 
Er: "Du liebe Scheiße, watt will die denn?" 
Ich: "Die hat n dreckigen Teller uffn Bodn gefundn." 
Er rollt die Augen. 
Ich: "Neee, echt jetz. Lack und Leder hatte se an. Und ne Peitsche." 
Er: "Sagt ja viel über dich aus." 
Ich: "Sei ruhig... Jedenfalls knallt se dem Tom damit uffn Arsch und brüllt: RÄUM!!! DITT!!! UFF!!!" 
Er fühlt sich irgendwie verarscht, rollt die Augen und steht auf. 

Ich leg mich quer ins Bett und triumphiere vor mich hin während ich wieder einschlafe. Ne viertel Stunde später schrecke ich hoch. Mein Karma feat. Uschi & Tom haben sich gerächt. Schmutzig. Nicht der Teller...  

Jetzt geh ich mir erstmal die Augen mit WC-Reiniger säubern und guck mir dann solange SAW an, bis mich das Vergessen überkommt. 

 

 

 

05.11.16 

Nina: "Mama, ich hab Bauchweh. Und Kopf. Und Hals." Dackelblick und runtergezogene Mundwinkel. Und weiter: "Ich will bei dir schlafen." Und zack, schmiegt sie sich wie eine Katze an mich. Nickys Taktik ist da eeetwas direkter. Sie läuft zum Ehebett und erklärt mir ganz einfach, wer wo schläft und endet mit: "Ok Mami? Ich zieh mich schonmal um." Dankbar, dass Hanna bei ihrem Onkel ist und nicht auch noch Platz einfordert, ergebe ich mich in mein Schicksal und trotte zum mir zugewiesenen Platz. Ich darf in Pauls Bett schlafen, Nicky in der Mitte und Nina in meinem Bett an der Wand. Aha. Nina jammert: "Ich will nicht neben Nicky schlafen. Ich will in Papas Bett schlafen." Ich: "Aber da kullerste vielleicht ausm Bett." Nina: "Nein. Versprochen." Nicky: "Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen." Und ich denk mir: 'Komm, Muddi, diskutier nicht. Füge dich und sei dankbar, dass sie überhaupt mit deiner Anwesenheit im Bett rechnen und du nicht auf dem Sofa zu schlafen hast.' Ich krabbel also in die Mitte. "Aber wenn Papa wieder da ist, schläft jeder in seinem eigenen Bett, ja?" Beide: "Ja ja." Mir ist klar, dass das nicht ohne Gejammer und Diskussionen ablaufen wird, aber was juckt mich der Stress von morgen. Ich zuppel mir ein Stück von Nickys (meiner) Decke und Ninas (Pauls) Decke über meine zarten Pölsterchen und nach dem ersten Drehen der Kinder wird mir klar, dass ich mir mit der Taktik nur den Arsch abfrieren werde. Ich schiebe mich also Richtung Fußende, kletter aus'm Bett und hole die Decken der Kinder. Ich hab's natürlich wieder nicht richtig gemacht, also stehen sie, kaum dass ich wieder liege, rechts und links neben mir in den Betten und schütteln die Decken auf. Ich mummel mich ein und warte, bis die Damen zufrieden sind. Gefühlte Stunden später haben wir auch die Frage "Licht oder nicht?" geklärt und so dreht sich Nicky mürrisch zur Wand, Nina triumphiert und ich starre mit großen Augen die Decke an. So eine Nachttischlampe kann einem schnell wie ein 5000-Watt-Baustrahler vorkommen, wenn man's nicht gewöhnt is. Nina liegt also still da, während Nicky vor sich hin brabbelt. Dieses kleine Weib kann aber auch nicht die Schnute halten. Ich mahne und mahne und mahne; bis ich davon einschlafe. Stunden später fahre ich wie vom Blitz getroffen hoch. Ich schaue nach links: Kind da. Ich schaue nach rechts: Kind weg. Ich denk mir: 'Cool, mehr Platz... Moment... guck mal lieber...' Da taucht auch schon Ninas Kopf neben dem Bett auf. Ich: "Nina; was machst'n da?" Nina schüttelt sich die Haare aus'm Gesicht, wankt, dreht den Kopf in meine Richtung und öffnet die Augen. Es dauert einen kleinen Moment und dann: "Oh." Ich: "Komma wieder ins Bett." Sie: "Ok." Sie kraxelt hoch, legt sich hin und pennt sofort wieder ein. Zeit mal links die Lage zu checken. Mehr oder weniger ist meine Bettseite leer. Ok, das is auch nicht anders, wenn keine Kinder, sondern Paul im Bett ist, weil ich mich eeetwas breit mache, aber da ich nun die "Leidtragende" bin, muss ich zusehen, wie ich das dreiste Balg wieder aus meinem Drittel kriege. Hanna und Nina bräuchte ich nur kurz zu wecken und zu bitten. Nicky aber ist nach dem Wecken gleich 100 % da und dann steht das Mundwerk wieder nicht still. Also beginne ich mit der Rückeroberung. Ich schiebe meinen Ellbogen ganz zärtlich ("bämmmm") in ihre Hüfte. Nichts. Ich verdrehe die Augen und lege meinen Arm quer über ihren Bauch. Sie grummelt und dreht sich von mir weg. Ein viertel Kind-Umfang hab ich also schon gewonnen. Ich bin stolz auf mich. Ich rutsche diiicht an sie. Lästig dicht. Nervig dicht. Und gewinne ein weiteres Stück. Sie dreht sich auf den Bauch; Gesicht zu mir. Ich dreh mich auf den Bauch; Gesicht von ihr weg. Und bei der Gelegenheit schmeiße ich ihr meine offenen Haare ins Gesicht. Ups, war keine Absicht. Sie rutscht ein weiteres Stück. Und so gewinne ich Zentimeter für Zentimeter mein Drittel zurück. Zufrieden döse ich wieder ein. Plötzlich wird es unruhig neben mir und schon beginnt Nicky zu schreien. Alptraum. Ich rüttel sanft an ihr: "Nicky, Nicky, Nicky. Aufwachen. Is nur ein Traum." Und sie wird wach, ist erleichtert und: startet die Sabbelmaschine. In allen Einzelheiten schildert sie mir, wie ihre Schwester ihr ihre Puppi geklaut hat, dass sie sie wieder haben wollte, dass sie sie aber nicht rausgerückt hat, wie sie dann mit ihr geschimpft hat und mit Petzen gedroht hat. Bla bla bla. Und plötzlich steht der Mund still und sie is wieder eingeschlafen. In meinem Drittel natürlich. Grrrrrr. Das Drängel-ups-Programm startet also von Neuem und als ich endlich wieder eine akzeptable Position erreicht habe, stelle ich fest: Ich bin wach. WACH. Wachwachwach. Und mir ist langweilig. Ich versuche trotzdem einzuschlafen. Drehe mich gefühlte 100 Mal um die eigene Achse. Die Uhr tickt. Nervt mich. Nina schnauft. Nervt mich. Nicky schnarcht. Nervt mich. Grrrrrr. Ich dreh mich auf den Bauch, schnappe mein Handy und schreibe. Ditte hier. Und währenddessen schiebt sich Nina mit dem Rücken an mich ran und streckt die Glieder Richtung Bettkante und Nicky kuschelt sich an meinen Unterarm. Ich muss also gleich wieder liebevoll schubsen. Ok. Einem Instinkt folgend schaue ich zu ihr. Da grinst mich das Fräulein putzmunter an und beginnt von Neuem. Sie wäre ja so gerne auch mal Arielle. Und ich wäre dann ihre Mamamutter. Und sie will aber nicht im Wasser sein. Sie will reiten. Sie möchte ein Pferd. Jetzt. Aber es soll nicht beißen. Ihr is wurscht, dass das teuer ist. Dann muss ich mir eben ein bisschen Geld kaufen. Sie dreht sich weg und schläft. Ich bin ein bissele verdattert und eeetwas misstrauisch, will aber trotzdem mal einen weiteren Versuch, zu schlafen, starten. Ich schiebe meinen Ellbogen schonmal dichter an sie, komme hier zum Ende und dann hoffentlich "gute Nacht"... 

 

 

 

19.10.16 
So ein Kita-Morgen... 

Um 5:47 Uhr klingelt der Wecker. "Unter dem Meer" aus Disney's Arielle. Ich Ignoriere. Um 5:52 Uhr, 5:57 Uhr, 6:02 Uhr und 6:07 Uhr ebenfalls. Um 6:12 Uhr gewinnt mein Gewissen, ich wuchte mich aus der warmen kuscheligen Pfurzmulde und schnappe mir das Babyphone: "Hanna, Nina, Nicky - Aufstehen!" Ich torkel zum Flur, mache Festbeleuchtung für die kleinen Torkler von oben und wieder: "Hanna, Nina, Nicky - Aufstehen!" Nina jault wie jeden Morgen: "Mamaaa - Nicky und Hanna stehn nich aaaauuuuf!" Ich wie jeden Morgen: "Dann mach vor, wie es geht." Dann Hanna (jeden Morgen!) "Mama, is heute Spielzeugtag?" Und ich an 4 von 5 Tagen in der Woche: "Nein, erst am Freitag." Und sie an 4 von 5 Tagen in der Woche: "Hä?" Um es abzukürzen: während ich mich anpelle und schlaftrunken auf ein Minimum herrichte, diskutieren wir 4 Weiber den nahezu gleichen Dialog. Den immergleichen Text wie ein Ritual runterzubeten, macht es wenigstens leichter. Ich gehe in perfektem Timing in den Flur und da kommen meine kleinen zotteligen, mit Kuscheltieren bewaffneten und verschlafenen Mädchen schon um die Ecke. Drei Mal drücken und ab in die Stube. Drei Mal anziehen und dann für ein viertel Stündchen "Mullewapp" gucken. Ich geh schon etwas munterer in die Küche, packe die Rucksäckchen für die Kita und setze mich anschließend noch für ein Kippchen nach draußen. Kaum hab ich die Tür auf, kommt Katerchen in den Flur gewetzt und stürzt sich offenbar ausgehungert auf den Fressnapf. Ich spiel ein zwei Runden "Quizduell", lese, was mir Wikipedia auf der Hauptseite heute anbietet und was ein Handy-Junkie halt noch so alles in einer Zigarettenlänge schafft. Dann geh ich rein, schalte den Fernseher aus, lasse das Gemurre über mich ergehen und treibe die kleinen Muffel zum Anziehen an: "Jacke, Schuhe, hopp hopp hopp." In aller Seelenruhe starten sie gekonnt inszenierte Anziehversuche. Nachdem Hanna wegen Kotzerei und Nicky wegen am-Vorabend-gab-es-Adrenalin-Müdigkeit je einen Tag daheim blieben und je eine Nacht bei Mama und Papa schlafen durften, ist auch Nina jetzt rund um die Uhr schwer krank. Bauchweh, Halsweh, Kopfschmerzen, Knieaua, Rückenaua und starkes Fieber. Also flöße ich ihr Medizin ein. Unter Beobachtung zweier misstrauischen Augen. Wohlweißlich hab ich die "Medizin" in eine leere Fiebersaft-mit-Erdbeergeschmack-Flasche umgefüllt: süßer Erdbeertee. Das stoppt die Maulerei für ein Weilchen. Dann höre ich drei Mal: "Du sollst mir helfen!!!", fordere drei Mal ein Zauberwort ein und nachdem ich es bekommen habe, helfe ich meinen kleienen Babies. Schirme aufspannen und ab zum Auto. Wer als erster fragt, darf vorne sitzen. Auf Dauer konnte ich mir nicht merken, wer an der Reihe war und noch haben sie die aktuelle Taktik nicht begriffen. Nur eine Frage der Zeit... 

Auf Weg vom Auto zur Kita fällt Nina auf, dass ihr Schirm nass wird und sie beginnt zu jammern. Ich biete ihr an, ihn zu schließen. "Nein, dann wird mein Hasi nass!" Sie fragt nach nem zweiten Schirm, damit der Schirm trocken bleibt, ich verneine und Nina ergibt sich in ihr Schicksal. Immer wieder antreibend ("Nicht trödeln", "Kommt jetzt", "Hopp hopp" und wenn keiner in Hörweite ist zitiere ich Cinderella: "Hopp hopp hopp, eilt herbei, dass mir keiner hungrig sei.") erreiche ich eeendlich mit ihnen das Kitagebäude. Sie krähen der Küchenfee nach und nach ein "Gutn Morgn" entgegen und aus dem dem offenen Küchenfenster trällert es drei Mal zurück. Ich schenke ihr meist nur ein "Ja ja, die lieben Kleinen"-Schmunzeln und krieg ein herzliches "Hilft ja nix"-Lächeln zurück. Ich öffne die Tür und mahne zum Schuheabputzen und Schirm schließen. Sie verbringen eine gefühlte Ewigkeit auf der Schmutzfangmatte und schließen in der Garderobe angekommen auch irgendwann den Schirm. Ich platziere mich in Sichtweite für alle drei und warte geduldig auf das nächste: "Du sollst mir helfen!" Ein Weilchen später stehen sie stolz wie Bolle ausgepellt und in Hausschuhen vor mir. Ich lobe und öffne die Tür zum Gruppenraum: "Los, Guten Morgen sagen, Kuschis wegbringen und Kussi abholen." Gesagt, getan. Dann verteil ich Kussis, Umarmungen und süße Worte und nach und nach verschwinden Hanna und Nicky in den Weiten des Spielzeug-Schlaraffenlandes. Nina besteht wie immer darauf, dass ich ihr durch's Schlüsselloch noch ein "Tschüssi" zuwerfe und dann trete ich den Rückzug an.  

Wie jeden morgen schalte ich das Licht in den Garderobenräumen unserer Gruppe aus (nicht dass die Stromkostenersparnis einen positiven Einfluss auf die Kitagebühren hätte, aber mein Karma dankt es mir) und auf dem Weg nach draußen werfe ich einen Blick auf die kleinen weißen Namensschildchen auf den Garderobenplätzen der anderen Gruppen. Die einen Eltern bevorzugen Altbackenes wie Markus, Sophie oder Viktoria, die anderen Weltoffenes wie Candace, Taylor oder Sue, und man rollt innerlich die Augen über die Entscheidungen der jeweils anderen Partei. Welcher ich selbst angehöre, sei dahin gestellt. Jedem das Seine. Die Kinder ärgern sich in aller Regel früher oder später eh über das, was die Eltern ihnen "angetan" haben. Auch ich frage mich nur allzu oft, was meine geritten hat, mir diesen abscheulichen Namen (merke - in meinem Blog ist jeder Name geändert; so auch meiner) zu geben, aber sei es drum. 

Ich trotte zum Auto, gönne mir ein erleichtertes Aufatmen und starte in den eigenen Alltag. Wie gern würd ich in der Kita bleiben und mitspielen. Allein schon der früher verhasste, jetzt vermisste Mittagsschlaf. Hach, das waren noch Zeiten. Aber drei kleine Klugscheißer erklären mir nur allzu oft, dass ich zu groß bin und nicht genug Spielzeug da ist... Tja, dann also los; ohne Tatendrang und voller Kaffeesehnsucht... 

 

 

 

16.10.16 
Starker Asthmaanfall bei Nicky. Der Bereitschaftsarzt rät zu 112. Also angerufen, Kind in den RTW. Unterwegs geht das Martinshorn an. Nicky: "Mama!!! Polizei!!!". Hab sie dann aufgeklärt, dass wir selbst in dem Auto mit dem Tatütata sitzen. Hat sie wohl für einen normalen Raum gehalten. Jedenfalls ab zum Doc. Dies und das. Zäpfchen und Inhalation. Adrenalin-Inhalation. Ich fragte den Pfleger, ob das aufputscht. Er verneint träge. Wir schauen also Bibi Blocksberg aufm Handy und sie schnüffelt das verheerende Zeug. Und fängt an zu labern. Dann wird auf der Liege geturnt. Rauf und runter. Runter und rauf. Die Ärztin kommt wieder rein und lächelnd wissend. Ich sag: "Normal is das nich." Sie: "Nöö, is das Adrenalin. Lässt aber schnell nach." Ich lächel müde. Abschlussuntersuchung. Und raus. Während wir auf unsere Mitfahrgelegenheit warten, wetzt Speedy über den Krankenhausparkplatz. Abends um 21:00 Uhr. Ich soll ihr was vorsingen. Tanzen will sie. Turnen will sie. Endlich kommt das Auto. Göre rein. Kurz vor daheim schläft sie ein. Ich atme auf. Trage sie rein. Will sie grad in ihr Bett legen, da macht sie die Augen auf und Speedy is wieder da...  

Und nun isses bald halb elf, ich liege auf dem Wohnzimmerboden und ticker in mein Handy die neuesten Erlebnisse, während sie auf meinem Rücken hin und her läuft. Ab und zu lässt sie sich raufplumpsen, rollt sich runter, nimmt Anlauf und springt wieder rauf. Ein Duracell-Hase is n Scheißdreck dagegen... 

Na mal sehen, wie das ausgeht. Entweder sie kippt irgendwann um, weil die Energie nicht für den Bewegungsdrang reicht (und ich werd n Teufel tun ihr noch irgendwelche Kalorien zuzuführen) oder der RTW bringt mich in Sicherheit... 

Update: 
Auch nachts fiel ihr noch Amüsantes ein. Bei jedem Augenaufschlagen sagte sie, ich soll ihr einen Kuchen backen mit Kerzen und Feuer und Auspusten und so. Schlief sofort wieder ein. Wachte auf. Kuchen bitte. Einschlafen. usw. Zirka von zwei bis vier Uhr... 

 

 

14.10.16 
Hanna und Nicky sind oben im Spielzimmer. Nina kommt runter gewackelt und zeigt Paul, was sie alles in ihre Tasche gestopft hat.  

Da ruft Nicky von oben: "Mama" 
Ich: "Ja?" 
Nicky nochmal: "Maamaa" 
Ich: "Jaha" 
Nicky wird ungeduldig: "Maaamaaaaaa" 
Ich: "Jaaahaaaahaaaa" 
Nicky wütet: "MAMAAAAAA!" 
Ich brülle: "Watt is denn???" 
Nicky: "Mannnnnnoooooo" 
Ich: "Wer so laut brüllt, kann och runta kommn und sagn watta will!!! 
Nicky wieder sanfter: "Mama" 
Und plötzlich Nina: "Was ist denn, Kind?" 
Ich krieg große Augen. 
Nicky: "Kommst du endlich?" 
Nina: "Jaha! 
Ich zu Nina: "Ach, du bist die Mama?" 
Nina: "Ja" 
Ich: "Is anstrengend, wa?" 
Nina: "Ja." 
Ich: "Brauchste mal ne Pause, wa?" 
Nina: "Ja. Nicky ist immer so laut." 
Ich: "Wem sagste ditt." 
Nina: "Ich geh mal guckn." 
Ich: "Ja, gib ihr ne ordentliche Standpauke!" 
Nina: "Ok" 

Mama 2.0 tappelt mit ihrer vollen Tasche nach oben.  
Im Babyphone: 
Nicky: "Mama, kommst du endlich?" 
Nina: "Ja" 
Nicky: "Ich hab dich gerufen." 
Nina: "Hab ich doch gehört." 
Nicky: "Du hast mich ganz allein gelassen." 
Hanna entgeistert: "Gar nicht. Ich bin doch da." 
Nicky: "Du bist doch nur der Papa." 
Paul und ich schauen uns mit großen Augen an. 
Hanna kleinlaut: "Ok." 
Nina: "Jetzt ist Mama ja da." 
Nicky: "Darf ich spielen, Mama?" 
Nina: "Nein. Ich geb dir jetzt ne Standpauke." 
Nicky: "Was?" 
Nina: "Standpauke. Hat Mama gesagt." 
Nicky: "Was?" 
Nina ungeduldig: "Weiß ich doch nicht!!!" 
Nicky und Nina im Chor: "MAMAAAAAA!" 

Und Mama 1.0 watschelt die Treppe hoch... 

 

 

 

 

 

 

 

 

11.10.16 
Ich wünschte, dieser Alptraum wäre endlich endlich zu Ende...  

Bei der abendlichen Märchenstunde sitzen alle drei dicht an Paul gedrängt und kuscheln mit ihm. Als es soweit ist, ins Bett zu gehen, kuscheln sie sich noch dichter an ihn. Klammern sich um seinen Bauch, sein Bein und seinen Hals. Wieder fragt eine, was es mit der Halskrause auf sich hat. Wieder erklärt Paul auf für die Kinder verständliche Weise, dass er sich im Moment leicht den Hals brechen kann und die Halskrause ein Schutz ist. Voller Mitgefühl betatschen ihn die kleinen süßen Händchen. Ganz vorsichtig und besorgt. Sie streicheln ihm über seinen kurzgeschorenen Kopf. Fragen, warum ihr Onki die Haare abgeschnitten hat. Paul erklärt es ihnen. Und zeigt es. Zwischen zwei Fingern hält er ihnen ein dutzend Haarstoppeln hin. Das fasziniert sie. Sie stellen sich auf das Sofa rund um ihn und versuchen mit ihren klitzekleinen Fingerchen auch ein paar Haare zu ergattern. Irgendwie natürlich putzig. Aber auch ziemlich befremdlich... 

Was diese ganze Krebsdiagnose in unserem Alltag anrichtet. In unseren Gedanken... 

Sitze ich mit Paul in unserem Lieblingsrestaunt mit ruhiger Musik und entspannter Atmosphäre, kommt mir jedes verdammte Mal seine Beerdigung in den Kopf. Jedes verkackte Mal. Ich kann es weder abstellen, noch unterdrücken... 

Jedes "immer" hat eine andere Bedeutung. "Papa passt immer auf euch auf." "Papa ist immer für euch da." Papa liebt euch für immer und ewig."... 

Wenn ich mit ihnen morgens vom Hof fahre und Paul ihnen winkt und Handküsse zuwirft, wirkt es wie ein Abschied für immer.  

Alles ist mit einem grauen Schleier überzogen. Er hat keine Enden, an denen man ihn packen und lüften kann. Er ist da und lässt kaum Sonne durch. Nicht abzusehen, wann er endlich verschwindet. Oder ob überhaupt... 

Morgen feiern wir den 13ten Geburtstag meines Mannes. Vor 13 Jahren ist er nach einem schweren Unfall und mehreren Reanimationen aus dem Koma erwacht. Seitdem hat er zwei Geburtstage... 

Wer auch immer ihm diesen zweiten Geburtstag, dieses zweite Leben geschenkt hat - bitte lass es ihm noch lange lange...  

Nimm mir meinen Mann nicht. Nimm meinen Kindern den Papa nicht. Bitte bitte. Nicht jetzt. Niemals...  

Bitte bitte... 

 

 

 

09.10.16 
So ein Sonntagmorgen... 

So rund um sieben Uhr hör ich durch's Babyphone die ersten Laute aus dem Kinderschlafzimmer. "Bist du schon wach?", "Wollen wir aufstehen?" und "Manno"... Dann fällt ihnen die Mama ein: "Mamaaaaa" Ich grabbel nach dem elektronischen Nervenquäler. "Ja?", grummel ich ins Babyphone. "Dürfen wir aufstehen und spielen?" Jeden Sonntag die gleiche Frage. Und die gleiche Antwort: "Türlich!". Mein Kopf sinkt zurück auf's Kissen und das Babyphone landet knapp daneben. Die Mäuse rappeln sich auf und gehen nach nebenan ins Spielzimmer. (Anmerkung: Wir haben das 16qm-Nachbarzimmer der Kinder vom Schlafzimmer zum Spielzimmer umfunktioniert und sind in die ehemalige Veranda gezogen - 4qm. Passt das Ehebett rein und gradeso die fallen gelassenen Klamotten des Tages. Aber was tut man nicht alles.) Die Mädels spielen jedenfalls. Ich reiße neben mir das Fenster auf (noch ne Anmerkung: unser neues Schlafgemach hat 6 Fenster, einen Durchgang zum Wohnzimmer und eine Fenstergroße Durchreiche. Dazwischen ist geradeso Platz für etwas weiß-vergilbte Rauhfasertapete.) und lege mich auf den Rücken. Nun kann ich in die Kastanie vor unserem Haus schauen und den Regen tröpfeln hören. Herrlich zum Drummeln. Ich schiebe mich zu Paul und will's mir grade gemütlich machen, da quäkt es wieder: "Ich will runter kommen." Und ich: "Na hopp". Kurze Zeit später hört man die nackigen Füße auf dem Laminat herantapsen und schon stehen sie mit ihren verwüsteten blonden Haaren und den niedlichen Nachthemden mit Rüschen an den Schultern vor dem Bett. Hanna versucht reinzukrabbeln. Ächzt. Flucht. Bockt. Und kriegt den Hintern dann doch ins 65 cm hohe Bett. Nicky macht es wie alles andere: ungestümer. Sie geht zurück ins Wohnzimmer, man hört: "Auf die Plätze. Fertig. Los" und schon kommt sie angerast und hopst auf das Bett. Naja, sie rutscht wieder runter und kraxelt dann so ungeschickt wie Hanna das Bett hoch. (schonwieder ne Anmerkung: Nina schläft bei den Großeltern.) Sie mogeln sich unter unsere Decken und natürlich steht der Mund nicht still. Sie erzählen aufgeregt vom gestrigen Drachenfest im Dörfchen Hasenholz in Märkisch Oderland, gestikulieren wild umher und versuchen sich zu übertönen. Als ihnen nix mehr einfällt, wollen sie Bibi Blocksberg gucken. Hier im Bett. Aufm Tablet. Na bitte; so sei es. Sie kugeln sich auf den Bauch und ich mache Bibi an. Ich schlummer noch ein bissl vor mich hin bis ihnen das nächste einfällt. Mama bürsten. Nicky holt die Bürste und das Haaröl und kraxelt schon etwas geschickter zurück ins Bett. Ehe ich eingreifen kann, hat sie schon Unmengen Öl auf die Bürste gegeben und startet. Ich ergebe mich müde in mein Schicksal. Dann seh ich halt wieder aus als hätte ich in der Fritteuse gepennt. Wär ja nicht das erste Mal. Wenigstens schnuppert es gut. Während sie in gleichmäßigen Zügen meine Mähne glättet und fettet, drummel ich wieder ein. Leider hat sie kein Durchhaltevermögen. Also überrede ich Hanna weiterzumachen. Ach herrlich. Was Paul die ganze Zeit macht? Uns sein Repertoire an Schnarchgeräuschen zu Teil werden lassen...  

Mittlerweile hat Bibi den Superpudel Puck und den Dino genug verhext, mir tut der Rücken weh vom langen Liegen und so geht es allmählich zum Frühstück. 

Euch allen einen schönen Sonntag. 

 

 

 

03.10.16 
Ich: "Kommt essen!" 
Mädels: "Nein!", "Jetz nicht!" und "Wir wollen jetzt spielen! 
Ich: "Es gibt Knochen." (Putenkeulen) 
Und zack sprinten sie an mir vorbei in die Küche... 

Später... 
Nicky: "Mama, was guckst du da?" 
Ich: "Spirit" (Pferdefilm von Disney) 
Nicky kommt angerannt: "Jaaa, Sparerips..." 
Und dann ne enttäuschte Schnute... 

Und dann gucken wir Spirit. Ich mach mich lang, dreh mich auf den Bauch und döse langsam ein. Da erklimmt Nicky meinen Rücken, setzt sich rittlinks drauf und verkündet: "Mama, ich will ein Pferd." Ich: "Aha. Ok." Nicky hopst runter von ihrem Gaul: "Ich komme gleich wieder, Mama, ja?" Ich knurre verschlafen. 

Der Abspann startet, Nicky springt auf und beginnt, sich die Klamotten vom Leib zu reißen. Ich: "Was wird'n diss?" Nicky: "Das Pferd is auch nackig." Ich: "Aha" und beobachte, wie mein Mädchen nackig durch die Bude hüpft, wiehert und ab und an mit dem Hintern kess vor mir rumwedelt... 

 

 

 

12.09.16 
Ich erkläre mein Nickerchen für beendet, setze mich auf und orte mein Opfer. Paul sitzt neben mir auf dem Sofa. Über Funkkopfhörer guckt er irgendein Zombie-Gedöns im Fersehen. Wie ruhig und zufrieden er da sitzt. Das muss ich ändern... 

Ich gähne lautstark.  
Nix.  
Ich starte Smalltalk.  
Nix.  
Ich erhöhe die Lautstärke.  
Nix.  
Ich trommel mit den Händen aufm Polster rum.  
Nix.  
Okay - Zeit für schwere Geschütze. Handy raus, Musik-App an. Was gibt es denn da schönes zum quälen? Ah, best of 90's.  
'Backstreet Boys - Everybody'.  
Nix.  
Voll aufgedreht.  
Kurz zuckt sein Auge. Ansonsten nix.  
Ok. Weiter.  
'Mr. President - Coco Jambo'.  
Es zuckt auf seiner Stirn.  
Weiter.  
'Die fantastischen Vier - Die da'.  
Zunächst nix. Dann ein rhytmisches Kopfnicken und Fingertrommeln.  
NEIN. Spaß haben war nicht mein Ziel. Also weiter.  
'Dr. Alban - sing Halleluja'.  
Er räuspert sich lautstark.  
Ich bin auf dem richtigen Weg.  
Weiter. Ah, ein Schmankerl:  
'Lucilectric - Mädchen'.  
Er fährt sich mit beiden Händen erschöpft über das Gesicht. Der Blick ruht weiterhin auf den Untoten im TV. Grrrrr.  
Weiter.  
'Tic tac toe - Ich find dich scheiße'.  
Jetzt das volle Programm. Das Auge zuckt, auf der Stirn zuckt's, erschöpftes Räuspern und die Hände verzweifelt im Gesicht.  
Weiter.  
'Die Prinzen - Alles nur geklaut'.  
Er reißt den Kopf hoch und starrt mich entsetzt an.  
Meine Augen werden zu Schlitzen: "Du hast mich igrnoriert!" und ich starte die ultimative 90er-Ohrwurm-Nervbombe:  
'Blümchen - Herz an Herz".  
Er springt auf. Naja, wie eine viertel Tonne Gelee halt aufspringen kann: "Jetz is genug, Fräulein." Ich schmeiß das Handy beiseite und wappne mich: Ich lecke beide Daumen an. Er wirft sich wutentbrannt auf meine Sofaecke. Ich quetsch ihm beide angesabberte Daumen auf die Brillengläser. Das findet er immer besonders reizend. Also nicht entzückend-reizend, sondern ärger-die-Bestie-nicht-reizend. Er reißt sich die Brille runter, holt Luft wie ein Taucher, der ohne Gas die Titanic sucht und stürtzt sich auf mich. Meine Schwachstelle: ich bin superkitzlig. Und er weiß genau, wo es am schlimmsten is. Ich quieke. Ich kicher. Ich lache. Ich jammer. Ich bettel mit letzter Kraft: "Ignorier mich. Bitte, ignorier mich." Und er lässt von mir ab.  
Erschöpft legt er sich auf's Sofa. Wir schnaufen um die Wette. Erst klingt es wie ein fetter Mops nach 2 Kilometer Sprint. Dann wird es ruhiger. Dann wieder lauter. Wir schnaufen wie zwei Stiere in der Arena.  
Wir schauen uns an. Bereit für das letzte Gefecht. Die Sonne brennt, der heiße Wind weht den Sand über die Straße. Vor dem Saloon versammeln sich die Kautabak kauenden Männer. In der Saloontür die leichtbekleideten, kichernden Freudenmädchen. Hinter den Fenstern verängstigte Frauen, die ihren Kindern die Augen zu halten. Wir fixieren uns. Man kann eine Stecknadel fallen hören.  
Und dann ziehe ich:  
'Rednex - Cotton eye Joe'... 

 

 

 

05.09.16 
Wir sind dabei die Kinder ins Bett zu bringen... 

Nicky: "Papa, wie heißt deine Freundin?" 
Paul stutzt ein wenig: "Na Mama." 
Ich lächel ihn liebevoll an. 
Nicky: "Nein, deine andere Freundin." 
Ich hebe not amused eine Augenbraue: "Ja, Papa, wie heißt die?" 
Paul: "Ich weiß nicht, wen du meinst, Nicky." 
Nicky: "Na die auf Arbeit. Deine Freundin." 
Ich lege meine Hand liebevoll an seinen Hals und meinen Daumen auf seine Kehle. 
Paul: "Da sind doch nur Männer. Da ist keine Frau." 
Nicky: "Doch!" 
Nicky verdreht genervt die Augen und fragt mich: "Mama, wie heißen die wo du arbeitest?: 
Ich: "Die heißen Nicole und Sandra und Michaela und viele andere. Und das sind alles Mädchen. Kein Freund dabei." 
Ich nehme mein Halstuch ab und schlinge es wiederum liebevoll um Pauls Hals.  
Nicky: "Siehst du Papa. Und wie heißt denn nun deine Freundin da wo du arbeitest." 
Paul schaut verzweifelt auf seine Tochter, dann verängstigt auf mich. Ich amüsiere mich köstlich, beschließe aber, ihn zu retten und sage: "Papas Freundin auf Arbeit heißt Mercedes. Die ist ganz groß und dick und stinkt nach Müll." 
Nicky: "Pfui Papa!" 
Ich: "Ja, pfui Papa." 
Dann sagen wir Gute Nacht, schließen die Tür und ich dreh mich zu meinem Mann. Mit bedrohlichem Blick schleiche ich wie eine Raubkatze auf ihn zu. Er kugelt sich fast vor Lachen, hebt aber schützend die Hände: "Maus, ick weeß echt nich, watt sie da redet." 
Ich: "Keine Angst, Schätzelchen. Ich warte bis du wieder fit bist. Dann kann ich mich nach Herzenslust an dir auslassen." 
Paul: "Quatsch nich, komm jetz." 
Ich: "Geh schonmal. Ich muss kurz noch was googeln." 
Paul wieder etwas verängstigt: "Was denn?" 
Ich: "Foltermethoden, mein Liebling." 

 

11.08.16 
Indoorspielpark... 

Alle rein. Schuhe aus. Und weg sind sie. Ich erwarte fast, eine Staubwolke hinter ihnen zu sehen. Ich wackel gemächlich zu einer Bank, mach es mir gemütlich und gehe einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nach: Beobachten... 

Kinder. Mütter. Väter. Omas. In allen Ausführungen. Eine Oma mit einem Säugling auf dem Schoß. Höchstens 2 Wochen alt. Noch ganz faltig. Stellt sich die Frage, was der Wurm da zu suchen hat, denn leise isses nicht grade. Aber gut. Ansonsten Kinder jeden Alters. Kleine tapsige Lauf-Neulinge. Wuselige Minis wie unsere. Etwas größere Rabauken. Und sogar pubertierende Minidamen...  

Die Eltern ebenso vielfältig. Greten. Models. Normalos. Mopsige. Tönnchen... Lässig. Konservativ. Sportlich. Overdressed. Rockabilly. Gestylet. Out of bed-Lock. Out of Kleidertonne-Lock... Jeder wie er mag und kann...  

Ein Mann, riesig wie Hagrid, läuft an mir vorbei. Kurz kommt mir die Frage in den Kopf, ob sich jedes Körperteil proportional zur Körperlänge verhält, aber ich reiß mich zusammen und schaue nicht an ihm herunter. Naja. Doch. Aber da dreht er sich um und ich seh das ausladende fleischige Hinterteil. Will ich wissen, wie es an der Front aussieht? Näää!... 

Ab und zu kommen Nina, Hanna oder Nicky auf mich zugestürmt, schmeißen sich in meine Arme und flitzen wieder davon...  

Dann geh ich mit einer nach der anderen aufs Örtchen. Ganz unterschiedlich: Hanna muss ich in die Kabine begleiten. Bei Nicky steh ich bei geöffneter Tür davor und sie kaut mir ein Ohr ab. Nina möchte allein in die geschlossene Kabine. Ich frag sie, warum ich dann überhaupt mitgehen soll. Sie sagt: "Damit du nicht allein bist." So so...  

Kurz bevor der Laden schließt, helfen meine Mädels beim Aufräumen. Und prompt kassieren sie ein Eis dafür. Ich platziere sie nebeneinander auf einer Bank und setze mich davor auf den Boden. Und während sie sich schleckend umsehen, ziehe ich ihnen die Schuhe an und reiche hier und da ein Taschentuch zum Kleckerei wegwischen. Alle fertig. Los geht's nach Hause...  

Im Auto soll ich ihnen die Musik von Disney's Eiskönigin an machen. Weil ich aber leider mein Handy vergessen habe, auf dem ich 1001 Lieder für die Mädels hab, muss ich selbst singen. Aus dem Augenwinkel meine ich zu sehen, wie sich Oma, die uns begleitet hat, die Ohren zu hält. Aber die Minis sind begeistert... 

Zuhause angekommen stellen sie sich in einer Reihe vor Paul auf und singen ihm ein Liedchen vor. Und wir schmelzen dahin... 

Nun sitzen sie mit vollen Bäuchen auf dem Sofa, schauen Timmy das Schäfchen und kuscheln mit ihrem Papa... 

Und ich staune, woher ich die Kraft genommen habe und bin furchtbar stolz auf mich... 

Seit ein paar Tagen bin ich wieder Teil der arbeitenden Bevölkerung. Es fällt sehr schwer, dafür Kraft und Konzentration aufzubringen. Eineinhalb Jahre war ich wegen der Depressionen krankgeschrieben. Weitab von "gesund", aber wer weiß, wie es beruflich mit Paul weitergeht. Also MUSS das sein. Das macht gehörig Druck. Meine Psychologin meint, ich wäre bis jetzt die Patientin mit der größten Belastung. Macht nicht grade Mut. Aber sie fängt mich super auf. Denn auch diesmal kullern nach ein paar Stunden auf Arbeit die Tränen, weil es für einen einzigen Menschen einfach zu viel ist. Manchmal fühle ich mich wie Atlas, der die Erdkugel auf seinen Schultern trägt... 

Aber dann gibt es Momente wie heute, in denen mich Kraft, Ruhe, Gelassenheit und Geduld durchfluten und ich mit vollem Geist für die Kinder da sein kann. Ich kann sie genießen. Kann auf ihre Zickereien eingehen. Kriege jede Stimmung abgefangen. Fühle mich stark. Fühle mich wie die, die ich bin: eine tolle Mama... 

 

 

 

23.07.16 

Mit Hanna und Nina unterwegs zu Paul ins Krankenhaus. Vom Handy mit einem Lautsprecher verstärkt dröhnt "Ich lass los" aus "Disneys Die Eiskönigin" durch's Auto. Und so oft, wie ich's mit den Dreien geguckt hab, kann ich natürlich lautstark mitsingen und die Mädels stehen drauf, wenn ich das mache. Hanna und Nina sitzen hinten mit Sonnenbrillen auf der Nase, rocken mit den Köpfen und Füßen mit und ich gebe mein Bestes. Und Lautestes. Auch an der Ampel bei rot. Mitten in Berlin. Vorne bei den Passanten, die die Straße überqueren. Und irritiert in meine Richtung gucken. Ja, schon doof, wenn die Klimaanlage kaputt is und man mit offenen Fenstern fährt. Und das vergisst... Au weia... 

 

 

 

23.07.16 
Liebesgruß an meinen Mann... 

Ich bewundere dich! Ich bin stolz auf dich! 

Die Krebsdiagnose, die ganzen Botschaften rund um die durchlöcherten Knochen, die Therapien und Nebenwirkungen und jetzt die starke Verbrühung. Kein Indianer könnte tapferer sein. Wenn du nicht grad vor Schmerzen schreist oder die Chemo dich zu schwach macht, lachst du mit mir und wir reden, als wäre nix. Du hörst und siehst dir meinen Kummer und meine Tränen an. Ich darf meine düstersten Gedanken mit dir teilen. Du spendest anderen Menschen Trost. Am meisten mir. Du zeigst mir, wie Genießen geht, auch wenn mir das sehr schwer fällt, es hinzukriegen. Du bist für unsere Töchter da und unterstützt mich im Alltag so gut du kannst und bist so umsichtig dabei. 

Dafür bewundere ich dich, mein wundervoller Mann. Du machst mich stolz. Ich bin so stolz, mich deine geliebte Frau und beste Freundin nennen zu dürfen. 

Du bist mein Leuchtturm im schweren Sturm.  
Du bist mein Sonnenschein in der Dunkelheit.  

Ich brauche dich wie die Luft zum Atmen und ich werde immer für dich da sein. Jetzt. In Zukunft. Für alle Ewigkeit. 

Ich liebe liebe liebe Dich! 

 

 

 

19.07.16 
Ein Freund zu Besuch... 
Matze streckt Nicky die Hand hin: "Guten Tag, Nikola." 
Nicky: "Nee, deine Hand is dreckig." 
Matze guckt ganz verdattert seine Hand an: "Ditt is keen Dreck, ditt sind Arbeiterpfoten." 
Nicky: "Gar nich. Das is Dreck." 
Matze bockig: "Ick bin KfZ-Mechaniker. Dann reparier ick dein Auto später eben nich." 
Nicky megazickig: "Dann eben nich!!!" 
Böser Blick ihrerseits und weg is sie... 

 

 

11.07.16 
Ich sitze am Ostseestrand während die Sonne langsam im Meer versinkt und den Himmel in die schönsten Farben taucht. 

Zwischen mir und dem herrlichen Anblick versammeln sich drei Mädels. Ich schätze sie auf 16 oder 17. Aber was weiß ich. Dem Verhalten nach vielleicht 14. Dem Outfit nach 25. Knapper wäre nur ein String. Ich muss an meine Mädchen denken und setze Kartoffelsäcke und einen Rapunzelturm auf meine to-do-Liste. Die drei Exemplare hier jedenfalls genießen keinesfalls den Sonnenuntergang sondern halten eine Fotosession ab. Tausenderlei Posen werden probiert. Hüpfen, Handstand, zusammen, zu zweit, gemeinsam auf'm Selfie, sitzend und was ihnen sonst noch so einfällt. Der Körpersprache nach schauen sie zu viele Musikvideoclips von Pop-Ikonen. Nach vorne gebeugt quetschen sie ihre "Argumente" mit den Oberarmen zusammen und ziehen ne Mode-Schnute, besser bekannt als Duckface. Sie strecken ihre Hinterteile raus wie rollige Katzen, klatschen sich gegenseitig drauf und kichern und gackern. Nach jeder Pose versammelt sich das Trio um das Handydisplay und wertet aus. Dann wird am Bikini gezuppelt um zu verdecken, dass sie zwar jede freie Minute in der Sonne verbringen, Mama ihnen allerdings keinen Tanga erlaubt hat. Sitzt das Höschen nicht ordentlich, sieht der Hintern aus wie ein angebissener Schokokuss. Die Haare werden drapiert. Wirft man sie auf beiden Seiten nach vorne über die Schultern, sieht es von vorne wie die Mähne von Beyonce aus. Von hinten allerdings wie Piet Klocke.  

Ich schwanke die ganze Zeit zwischen Verurteilung der "Jugend von heute" und Bewunderung der Unbeschwertheit. Letzteres überwiegt am Ende. Wie einfach war das Leben mit 16. Zumindest rückblickend mit dem Wissen und Erfahrungsschatz von heute... 

Und trotzdem möchte ich nichts an meinem bisherigen Leben ändern. Alles, jede Kleinigkeit, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Äußerlich war viel Schoki und zu wenig Sport im Spiel. Aber innerlich, und das ist es, was zählt, kann ich in klaren Momenten wie diesen nur sagen, dass hier am Ufer des Greifswalder Bodden eine ganz tolle Frau sitzt. Das beste Zeichen dafür sind meine tolle Beziehung, meine zauberhaften Mädels, die harmonische Familie und ein großer Kreis von herzlich geliebten Freunden.  

Tja, wie würde ich mich dem Leser beschreiben. Ich wirke ausgeglichen, in mir ruhend, habe einen oft sarkastischen, manchmal zynischen Humor, bin sehr tiefsinnig, beobachte oft lieber, als mich zu beteiligen, bin zuverlässig, freundlich, ein guter Zuhörer und Ratgeber. Mein einziger Makel scheint ironischerweise mein geringes Selbstwertgefühl zu sein. Welch ein Widerspruch...  

Nun, dies soll als kurzer oberflächlicher Ausflug in meine Persönlichkeit reichen. Nun lehne ich mich zurück und genieße die Aussicht.  

Habt eine schöne Zeit, meine lieben Leser... 

 

 

 

10.07.16 
Immer freudestrahlend? Nein, so is das nicht bei mir, auch wenn's oft den Anschein hat... 

Die Depression hat mich noch immer in den Klauen. Und nun steckt auch Paul in einem Tief. Aus dem Nichts heraus brach vor ein paar Tagen eine Rippe. Das zeigt ihm und uns, wie marode seine Knochen durch den Krebs schon sind. Nicht nur die Wirbelsäule ist durchlöchert. 

Die heiß ersehnte Strahlentherapie lässt noch auf sich warten. Die Chemo wird verlängert. Der Krankenhausaufenthalt für die Transplantation macht ihm schon jetzt Angst. So viel Besuch wie beim letzten Mal wird wohl nicht möglich sein. Sein Bruder und ich waren den ganzen Tag bei ihm. Ich von morgens bis zum späten Nachmittag und er von mittags bis weit in die Nacht. 

Überhaupt ist uns Toni, sein Bruder, noch so viel mehr als ohnehin schon ans Herz gewachsen. Wie die Liebe zwischen Paul und mir, reicht das Gefühl, das wir beide für Toni empfinden weit über alles Normale hinaus.  

Wir fühlen uns stärker in seiner Gegenwart. Die Anspannung wird weniger. Es ist, als würde sich seine Kraft ein Stück weit übertragen. Solche Menschen wie Paul und Toni findet man unter Hunderttausenden kaum ein zweites Mal. Wie dankbar bin ich meinen Schwiegereltern für diese beiden wichtigsten Männer in meinem Leben. 

Aber irgendwann hilft alles nix mehr. Dann sieht man alles mit Trauer. Ich seh die Kinder, die ihren Papa zu früh verlieren. Ich seh meinen Mann, den ich gar nicht genug beobachten, ja regelrecht studieren kann, um nichts an ihm je zu vergessen. Ich kann nicht abstellen, alles um seinen Tod zu durchdenken. Die letztes Stunden. Die Beerdigung. Die Zeit danach. Ich krieg das nicht aus meinem Kopf raus. So oft kreisen meine Gedanken um die schlimmste Zeit, die mir noch bevorsteht. Und das Genießen des Augenblicks rückt in den Hintergrund. Viel zu sehr... 

Ich muss sogar aufpassen, welche Musik ich höre. Ein falscher Song und die Tränen fließen in Strömen. Diese Woche konnte ich Paul überreden, mit mir in unser Lieblingsrestaurant zu fahren. Wir haben uns viel Zeit dafür genommen. Saßen noch lange nachdem die Teller schon abgeräumt waren Hand in Hand am Tisch. Und die Playlist im Restaurant führte so ziemlich jeden melancholischen Oldie. Ich hab in einer Tour geweint.  

Und trotzdem wollte ich mir die gemeinsame Auszeit nicht nehmen lassen. Und es war schön so. Ich bin meinem Mann so dankbar, dass ich auch diese Gefühle mit ihm teilen kann. Wir leben durch und durch nach dem Motto 'Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude'. 

Wie wird meine Welt erst aussehen, wenn ich niemanden mehr zum Teilen habe? 

Nicht daran denken. Nicht zulassen. Wegdrängen. JETZT leben. Genießen... 

Oh, hätt ich nur die Kraft dafür... 

 

 

 

08.07.16 
Ich gucke an mir runter. Quasi auf der Suche nach meinen Füßen. Taste so an meinen Pölsterchen herum, ziehe die Mundwinkel nach unten, schiebe die Unterlippe vor und gucke Paul wie ein getretener Hund an: "Manchmal... manchmal fühle ich mich direkt ein bisschen unattraktiv..."  
Paul guckt. Guckt nur. Schweigt. Immernoch. Schweigt weiter.  
Ich wechsel von getretenem Dackel auf wütenden Pitbull: "Sag was!!!"  
Paul: "Watt denn?"  
Ich: "Was Nettes!!!!!!!"  
Paul denkt nach. Lange. Zu lange.  
Ich: "Heeeee!"  
Paul: "Ick lieb dich."  
Der Pitbull verschwindet und der Dackel kommt raus: "Diss sagste dich jetz nur so..."  
Paul nimmt mich in den Arm. Und schweigt weiter.  
Pitbull-Ich: "Mach mir jetzt verdammt nochmal n Kompliment!"  
Paul: "Du bist wunderschön, mein Rehauge."  
Ich: "Watt soll'n ditt jetzt heißen? Dass meine Augenfarbe ditt einzig attraktive an mir is?"  
Und da spür ich ihn doch tatsächlich nicken. Er trägt seine Halskrause. Um da ein Nicken zu merken, muss es schon recht energisch sein. Ich reiß mich aus der Umarmung, werfe Dackel und Pitbull über Bord und werde zum Werwolf. Aber zum Bellen komme ich nicht.  
Paul: "Na, watt willste denn hörn?"  
Ich: "Kannst dir ja wenigstens n flotten Spruch abquälen. Sowas wie: 'Ick steh voll uff deine Euter. Egal dass auch der Rest nach Kuh aussieht.'"  
Paul: "Neee. Siehst nich wie ne Kuh aus. Die hamm doch so nen knöchernen Hintern."  
Ich: "Ach, dann hab ick wohl n Elefantenheck, oder watt?"  
Paul: "Hat Nicky auch gesagt."  
Ich: "Boa, zieh da nich ditt Prinzesschen mit rinn!"  
Paul: "Mausi..."  
Ich: "Ach, Maus is wie Ratte..."  
Paul: "Ja, aber ne dünne Ratte."  
Ich geb's auf: "Ja ja, besser wird's nich. Ick weeß. Bin ick also bestenfalls ne dünne Ratte. Soll'n ja intelligente Tiere sein..."  
Paul schweigt. Schonwieder.  
Ich: "Watt willste denn jetz damit sagn?" Aber nach der tierischen Debatte erwarte ich nix mehr, winke ab und verlasse die Manege.  
Ich dreh mich um und will aus der Küche gehen, da tritt Paul noch nach: "Nee, Kuh wirklich nich..."  
Grrrrrrr 

 

 

02.07.16 
Man kann nicht früh genug an die Altersversorgung denken... 

Ich: "Hanna, wenn ich mal ganz ganz alt bin, wischst du mir dann den Po ab?" 
Hanna: "Ja Mama." 
Ich: "Nina, wischst du Mama auch den Po ab, wenn ich mal ganz ganz alt bin?" 
Hanna empört: "Nein ICH, Mama!" 
Ich: "Ok. Entschuldige." 
Hanna schaut auf ihre Hände: "Aber dann sind meine Hände ganz dreckig." 
Ich: "Nein, da nimmste Klopapier." 
Hanna guckt an mir runter: "Ein ganz großes Papier." 
Ich grummel: "Ok." 
Hanna überlegt wieder: "Aber du bist doch schon ganz alt, Mama..." 
Ich: "Na sooo alt bin ich noch gar nicht." 
Hanna: "Ok. Sag mir, wenn du fertig alt bist, ja?" 
Ich: "Oh ja, das werd ich..." 

Und ich Depp hab vergessen, das Versprechen aufzunehmen... 

 

 

 

01.07.16 
5:33 Uhr  
In Worten fünf Uhr dreiunddreizig. 
Mitteleuropäische Zeit. 
Inna Woche. 
Die Zicken sind wach. Also nicht gähn-wach sondern wach-wach. Aus-dem-Bett-kletter-wach. Fröhlich-quieken-wach. ZU-FRÜH-WACH! 

Und is ja nich so, als hätten sie ne Stumm-Taste. Nein. Gleich volles Programm. Jedes fünfte Wort ist "Mamaaaaaaaaaa". Und es sind Mini-Frauen. Die quatschen mehr als der Durchschnitts-Mini-Mann. Also ist jedes fünfte Wort inna Summe knapp vor dreistellig. Pro halbe Stunde.  

Paul schnarcht. Ich grummel und jammer verschlafen vor mich hin. Zieh mir die Decke über den Kopf. Sie ziehen sie wieder weg. Ich grummel noch mehr. Es ist eine "Maaaamaaaa"-grummel-Teufelskreis. Quasi ein Teufelinnen-Kreis. 

Jetz sind se inna Kita und ich trink Kaffee in der Hoffnung wach zu werden. Aber ich bin allenfalls gähn-wach. Is schonmal jemand mit der Kaffeetasse inna Hand eingeschlafen? Also bei mir fehlt nich mehr viel. 

Ja ja, so viel Gejammer auf'n frühen Morgen. Dabei scheint das Sönnchen. Die Vögelchen zwitschern. Das Lüftchen is klärchen und kühlchen. Die Kindchen sind so brav. Das Männchen strahlt mich an.  

"Lass dich nich so hängen.", sagt er. PAH! Er sieht selbst aus wie mit ner Vuvuzela aus'm Tiefschlaf getrötet. "Ich hau mich nochmal hin", grummel ich.  

Und nachher mauere ich das Kinderschlafzimmerfenster zu. Vielleicht denken sie, wenn es dunkel ist, dass noch Nacht ist und schlafen weiter... Naja, einreden kann ich's mir ja... 

Gut Nacht! 

 

 

 

30.06.2016 
Von Kuscheln und Pullern... 

Ich weck die Kiddies.  
Hanna krabbelt laaangsam aus ihrem Bett. Ein Bild für die Götter. Mit geschlossenen Augen liegt das Köpfchen noch auf ihrem Kissen, während sich ein Füßchen nach dem anderen aus dem Bett schiebt. Die Beine folgen, dann das Hinterteil. Notgedrungen folgt der Rest und auch das Köpfchen verlässt so langsam das Kissen. Dann rappelt sie sich auf, kommt mit ausgestreckten Armen auf mich zugetorkelt und sagt: "Mama, du musst mich tragen." Nachdem sie gejammert und sich an mein Bein gehangen hat, gebe ich nach und verspreche, sie runterzutragen. 

Nina und Nicky legen sich währenddessen zu Papa ins Bett. Nina liegt rechts und himmelt ihren Papa an und Nicky wird links der Bauch gekrault. Dann dreht sie sich auf um und verlangt, dass man ihr auch den Po krault. Was man nicht alles tut... 

Nebenbei erzählt mir Paul was von seinen Autos. Also er versucht es. "Ich hab gestern Abend noch was über meinen Slash gelesen...". Ich: "Hä?" Er: "Na der, der ganz links im Regal steht." Ich: "Hä?" Er: "Na der Flache, Breite, Lange, Große..." Ich: "Hä?" Er ungeduldig: "Na der mit dem Heckantrieb." Mir reicht es und ich gucke nur noch dumm drein. Er: "Na der mit dem On Board Audiosystem". Ich guck weiter dumm. Er: "Der schwarze." Ich lüge: "Aaah!" Schon erzählt er drauf los. Ich hab's aufgegeben, den ganzen Auto-Technik-Kram begreifen zu wollen und höre nur mit nem Viertel Ohr hin. Nebenbei scheuche ich Nina in Richtung Treppe. Auch Nicky quält sich in Richtung Bettkante. Paul keucht sich in die Senkrechte und sagt: "Ich muss jetzt erstmal schiffen." Nicky: "Was?" Paul: "Papa muss ganz nötig pullern." Er macht sich auf Richtung Klo. Nicky: "Ich komm mit. Sonst bist du ganz allein." Paul verdreht die Augen in meine Richtung, weiß aber, dass er mit Nicky nicht diskutieren braucht. Sie trotten also nach nebenan ins Bad. Papa beginnt auszupacken und Nicky drängelt an ihm vorbei und setzt sich flink wie nie auf die Toilette. Paul: "Watt wird'n ditt?" Nicky: "Ich muss auch pullern." Paul drückt sich also die Pfeife zu und tritt von einem Bein auf's andere. Als Nicky fertig ist und ihm endlich das Klo überlässt, stellt er sich davor und startet. Nicky schaut verwirrt: "Papa, pullerst du jetzt ein?" Paul: "Nein, ich puller in die Toilette." Nicky ist verdutzt und fragt nochmal: "Papa, pullerst du jetzt ein? Du sitzt doch gar nicht." Paul: "Nein. Papa hat doch einen Pullermann. Da kann man im Stehen pullern." Nicky: "Oh..." Für's Erste scheint ihr die Erklärung zu reichen. Aber sie grübelt. Kurze Zeit später erklärt sie: "Papa, ich will auch einen Pullermann."... 

Nina trottet die Treppe runter. Ich hinterher. Hanna klammert sich an meinen Hals. Nicky wirkt weiterhin nachdenklich, folgt uns aber. Und Paul scheißert kopfschüttelnd seinen Weibern hinterher... 

Popo kraulen, Dummheit ertragen, Pullermannwünsche entgegennehmen... Man(n) hat's nicht leicht... 

 

 

 

29.06.2016 

Ein verlängertes Wochenende an der Ostsee liegt hinter mir. Allein. Zu Gast bei Ricky, einem guten Freund der Familie, auf dem Campingplatz. Vom Wohnwagen aus 50 Meter bis zum Strand. Kleiner Strand. Nix Überfülltes. Stundenlang auf ner Decke sitzen, Windsurfer und Kitefahrer beobachten, Hörbuch hören, Sand durch die Hände rieseln lassen, Steine sammeln und die Füße im Sand vergraben. Zeit ausschließlich für mich. Alle sagen, ich bräuchte das mal. Ich komme mit egoistisch dabei vor. Und dennoch hab ich es genossen. 

Am letzten Abend war endlich das richtige Wetter um den Sonnenuntergang am Strand zu beobachten. Also Decke geschnappt und los geht's. Ricky mit Whisky-Cola, Bier, Marshmallows, nem Spieß, ner Feuerschale (naja, sagen wir mal, ne XXL-Pfanne) und ner Schubkarre mit Holz und ich mit Cola und Kippen. Ich hau mich auf die Decke und schaue faul wie ich bin dem Entertainer zu. Feuerschale in den Sand, Holz fein stapeln, Sprit drüber, zünden und zack auf die Decke. Da sitzen wir und schnacken. Irgendwann zieht er die Feuerschale etwas weiter ran um noch Sprit draufzugießen, denn das mit dem Feuer is nich so seins. Dann warnt er mich, dass der Sand, auf dem bis jetzt die Feuerschale stand, superheiß ist und man ihn nicht anfassen darf. Und dann startet er das Unterhaltungsprogramm: Ja, er fässt in den Sand. In DEN Sand. ER! Nicht ich. Ich hab ja bei seinem Unterricht aufgepasst. Mit einem kurzen "Aaaah" und einem heftigen Ruck zieht er die Hand wieder weg. Guckt. Noch Sand dran. Mist. Schütteln. Gucken. Aua. Halb lacht er über seine Aktion, halb jault er wegen der Folgen. Er wetzt zum Wasser und hält das lädierte Pfötchen ins Wasser. "Musste mindestens 15 Minuten machn.", klugscheißer ich. Und da stand er nun. Mal hockend, mal Arsch in die Höhe. Ne gute Stunde. Jammert. Lacht über sich selbst. Erzählt Vorübergehenden von seinem geistreichen Tun... 

Und ich spieße mir einen Marshmallow auf, röste ihn und genieße den Sonnenuntergang mit Flamingo-Ingo ähm Ricky... 

 

 

 

22.06.16 

Ich geh nach meinem Morgenkaffee hoch um die Kiddies zu wecken. Sie liegen schon bei Papa im Bett. Paul schaut ganz ernst und Nicky sagt zu mir: "Mama, wenn Papa tot ist...". Sie stockt wie so oft mitten im Satz. Ich sag zu Paul: "Warum guckst du so ernst und warum sagt sie dieses Wort?" Paul: "Sie haben so heftig an mir rumgetobt, dass ich schimpfen musste und ihnen ganz ernst erklärt habe, dass ich Aua am Hals hab und dass das gefährlich ist." Und auf meine Frage hin, ob er ihr gesagt hat, dass er stirbt, sagt er: "Sie hat gefragt und ich hab gesagt, das könnte passieren." Ich schlucke. Ich geh zu ihm, schmiege mein Gesicht an seins und sage mit Tränen in den Augen: "Versprich mir, dass du nicht stirbst. Sag es einfach." Er: "Ich sterbe nicht. Nie. Ich versprech's."  

Manchmal ist Lügen ein kleiner Seelenretter... 

 

 

 

17.6.16 
Kuschelstunde am Samstagmorgen 

Obwohl Nina bei Oma und Opa ist, genügt der Platz zwischen Papa und Mama den Kindern offenbar nicht... 

Hanna: "Mach Platz, Papa. Es ist so eng." 
Papa: "Aber ich lieg schon auf der Kante." 
Hanna: "Gar nicht, Papa." 
Papa deutet hinter sich: "Doch. Guck mal hier." 
Hanna rappelt sich hoch, klettert den Papa-Berg hoch und schaut hinter ihn. 
Hanna: "Oh..." 
Papa: "Siehst du, ich kann nicht mehr rutschen." 
Hanna: "Papa, du bist so dick!" 
Ich gröhle los; Paul guckt entsetzt. 
Papa: "Gar nicht." 
Hanna: "Doch! Geh runter aufs Sofa." 
Papa: "Aber ich möchte doch mit dir kuscheln." 
Hanna überlegt und kommt zu dem Schluss: "Mama, du musst runtergehen." 
Diesmal lacht Papa und ich schaue gespielt entsetzt: "Aber ich will doch mit Nicky kuscheln." 
Hanna springt auf: "Manno. Dann geh ICH runter." 
Nicky: "Ich komm mit." Und beide klettern ausm Bett. 
Paul rutscht zu mir, kuschelt sich ran und jammert: "Ich bin nich dick, oder?" 
Ich überlege: "Naja, hier und da schon." 
Papa mit anzüglichem Ton: "Stimmt. Da schon." 
Ich tätschel im die Schulter: "Ja Ja, Schätzelchen. Nur da..." 

 

 

 

15.06.16 abends 
Da steht seine Hoheit am Kühlschrank, dreht und wendet die Wienerpackung auf der Suche nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum und fragt mich nach dem Datum. HEUUUUTE!!! Ich bau mich vor ihm auf: "Wie bitte?" Es macht klickt und er sagt: "Stimmt ja. Der 16te." Ich hole schon tief Luft für den Anschiss seines Lebens, da wirft er hinterher: "Nee der 15te. Iss ja gut. Der 15te." Ich schluck meine Standpauke runter und glotze nur fassungslos. Er beginnt wie ein Hund bei seinem Frauchen mein Gesicht abzuschlecken. Ich knurre. Er beschließt, das Thema zu wechseln. "Ich hab so einen Hunger. Hast du nicht neulich Reste eingefroren?" Ich: "Nee, aber noch so ein Ding und ich mach ratz fatz die Kühltruhe für dich frei." Er: "Ach Mausi." Ich: "Ey, ditt steht uff unsren Kennzeichen! Iss auch nich so, als hättn wa heut nich schon drüber gesprochen." Er: "Ja, krieg dich ein. Mach Essen. Hopp." Ich knurre wieder und sag: "Sobald deine Knochen wieder aufm MRT zu sehen sind, werd ich mich rächen!" Er: "Brauchste nich. Bis dahin bin ich verhungert, wenn de nich langsam hinne machst."… 

 

 

15.06.16 später Nachmittag 

Ein getrübter Freudentag... 

10 Jahre sind wir nun verheiratet. Aber was viel bedeutsamer ist - elfeinhalb sind wir heut zusammen... 

Verkuppelt. Liebe auf den ersten Blick. Nach vier Stunden zusammengekommen. Nie wieder losgelassen... 

Ein Hochzeitstag ist wie Vater-, Mutter- oder Valentinstag - man soll die Liebe an jedem Tag im Jahr ehren und nicht nur an einem. 

Aber die elfeinhalb sind uns bedeutsam... Ich denk viel an unsere erste Begegnung. Ich weiß noch so irre viele Details. Was wir beide an hatten, was wir getrunken haben, welcher Film lief. Die Berührungen. Die Blicke. Die Gedanken. Die Worte, die wir zueinander vor dem ersten Kuss sagten, sind in unsere Verlobungsringe eingraviert. Die Worte, die er mir danach sagte, sagt er mir noch heute oft. "Du bist perfekt, mein Engel."... Jede noch so kleine Erinnerung der letzten Jahre ist uns wichtig. 

Wir sind ein Team geworden. Verstehen uns ohne Worte. Sind einander nicht nur Partner sondern auch der beste Freund. Reden über alles.  

Schauen uns so oft lange in die Augen und können einander in die Seele blicken. Vom ersten Tag an. Seelenverwandschaft. Zärtlichkeit. Verständnis. Vertrauen. Ehrlichkeit. Der gleiche verschrobene Humor. Die gleiche Sehnsucht nach dem anderen... 

Nein, das Wort "Liebe" ist viel zu klein für dieses Gefühl in uns. 

Tja, und dann gratulieren uns meine Eltern und wünschen uns noch viele viele schöne Jahre... 

Und BÄMMM - da is die Realität... 

Aber nein!!! Nichts Negatives denken. Zuversicht. Genießen. Glücklich sein!!! 

Auch diese schwere Zeit ist mit seinem Lächeln nur halb so schlimm. Es gelingt mir immer besser, nicht an seinen *schluck* Tod zu denken, wenn ich ihn ansehe. Ich kann die Zeit mit ihm immer unbeschwerter genießen. Und das ist so kostbar. 

Ich will noch viele viele Erinnerungen. Egal wieviel Zeit bleibt.  

Die Liebe kennt keine Zeit. Keine Grenzen. Kein Diesseits und Jenseits. 

Diese Liebe ist für die Ewigkeit. 

 

 

 

15.06.16 morgens 
Grad war der Schornsteinfeger zur Wartung da. Bin ihm erstmal um den Hals gefallen, auf dass er uns Glück bringt. Mit mehr Mumm hätt ich ihn abgeschleckt... 

 

 

12.06.16 
Immer diese Angst, irgendein Ekeltier zu sehen, wenn Töchterchen aus dem Garten kommt und mir die verschlossene Hand mit den Worten "Guck mal" entgegenstreckt... 

 

 

11.06.16 

Uij. Mit dem falschen Fuß aufgestanden... 

Meine grauere Hälfte wütet vor sich hin. Stapft energisch und fluchend durch die Bude. Pfeffert hier und da was durch die Zimmer. Ich senke Haupt und Blick, um mein Lachen zu verbergen. In solchen Situationen tut es ihm mal ganz gut, das Alphatierchen raushängen zu lassen. Wie putzig er dabei wirkt. Jetz bloß nicht zeigen, dass ich mitm Lachflash ringe, sonst ist die ganze niedliche Show gleich vorbei. Wie er mit steifem Hals (wegen der Halskrause) am Frühstück werkelt. Wenn man notgedrungen den ganzen Körper mitdrehen muss, wirkt diese Hasterei wie Balett. Kennt Ihr aus Disneys "Phantasia" die Szene mit den tanzenden Nilpferden im Ballettröckchen? Dazu ein Gesicht wie Gargamel, wenn ihm die Schlümpfe wieder entwischt sind. "Schatziiii?" piepse ich. "Wattn?" knurrt er und tanzt weiter. Ich räusper mich; "Ähm... die Kinder...". Er knurrt lauter. Ich: "Die sitzen aufm Sofa... mit Saft und... ähm... Brötchen... Frühstück quasi...". Er tänzelt langsamer, stockt, erkennt allmählich die Sinnlosigkeit seiner Aufführung, knurrt und setzt zum Fluchen an. Wenn der Herr so richtig in Fahrt ist, wird sein Repertoire ziemlich... na sagen wir mal FSK 18. "Ver****ter Drecksh****ar***v*****mist" zum Beispiel. Je Fluchsalve setzt er die einzelnen Fäkalienkomponenten in unterschiedliche Reihenfolgen. Sehr kreativ, mein kleines Rumpelstilzchen. "Sei mal kurz still!!! Hörst du das???", werf ich gespielt erschrocken ein und lausche. Er hält schweigend inne, guckt mich mit großen Augen an und lauscht ebenfalls. "Wattn? Fressen se schonwieder watt aus?", flüstert er. Ich: "Nee, ich wollt nur, dass de mal die Klappe hälst." Er brummelt: "Is eh alles deine Schuld." Ich verdreh die Augen: "Ich hab alles sauber gemacht. Nu komm frühstücken." Er schleicht mir in die Stube hinterher und brubbelt vor sich hin. "... Nagellack stehen lassen... kein Wunder... Schweinerei...". Zugegeben; blauer Nagellack auf Nickys Händen, Füßen und Bauch war jetz nicht die schönste Art, in den Tag zu starten. Zumal jetzt die ganze Hütte nach Nagellackentferner stinkt. Was Kinder binnen 5 Minuten Vorsprung schon nach dem Aufstehen ausfressen können. Alle Achtung... 

 

 

 

06.06.16 

Kiddies werden ins Bett gebracht. 
Nicky: "Aber nicht runter gehen Mama!" 
Ich: "Na ich muss aber." 
Nicky: "Warum?" 
An dieser Stelle wird mir klar, dass sie die muntere Fragerunde gestartet hat. 
Ich: "Na ich muss doch auf Papa und Onki aufpassen." 
Nicky: "Warum?" 
Ich: "Na weil die sonst totaaal hilflos sind." 
Nicky: "Warum?" 
Ich: "Na weil das Männer sind. Die sind ohne uns totaaal aufgeschmissen." 
Nicky: "Warum?" 
Ich: "Na die haben ein totaaal kaputtes Chromosom." 
Nicky: "Oh die armen." 
Ich: "Jaaa. Und deshalb kann ich nicht oben bleiben." 
Nicky: "Ja Mama. Jetz gehst du schnell runter." 
Ich: "Ok... Kussi?" 
Nicky: "Nein. Du musst schnell zu Papa und Onki. Die sind kaputt." 
Ich: "Aber ich will einen Kussi!" 
Nicky: "Mamaaa. Geh jetzt!!!" 

Eigentor... 

 

 

 

02.06.16 
Betten bezogen. Gleich zur Inventur genutzt. Bilanz: 49 Kuscheltiere, 34 Spielzeuge (kleine Tiere, Mini-Püppchen etc.) und 7 Kuschelkissen... Dazu Kopfkissen und Decken... Es grenzt an ein Wunder, dass ich morgens meine Kinder finde... 

 

 

27.05.16 
"Mama, da is eine Spinne!"... Ich krieg große Augen. Und zack hat Nicky das Vieh schon inna Hand. Gut 150 cm Durchmesser mit 350 cm langen Beinen. Echt jetz. Na so ungefähr. Könnten auch n paar cm weniger gewesen sein. Ein paar. "Mach die weg." Nein, sie hält mir das Ungetüm vor die Nase. "Guck mal Mama, die kackert." Na klar, wenn so eine halbe Halbstarke auf dem Vieh rum drückt, kommt da schon was raus. Eingeweide halt. Sie hält es für Kacka. Ich finds immernoch pfui. "Schmeiß weg!". Nein, sie zeigts erst ihren Schwestern. "Darf ich die mitnehmen in die Kita?" Und Anna: "Heut is Spielzeugtag." (Freitags dürfen sie etwas vom eigenen Spielzeug mitnehmen.) Meine Augen werden noch größer: "Dann läufst du zur Kita." Und sie dackelt los. Ich: "Jetz setz das arme... *schluck und würg*... Tier auf den Boden und komm ins Auto!" Mit einem "Manno" und Schmollschnute gibt sie sich geschlagen, schmeißt das Pfui weg, wischt sich die Hände an der Hose ab und steigt endlich ein... *Aufschnauf* 

 

 

23.05.16 

Einen kleinen Leitfaden und viele Tipps haben wir von der Psychoonkologin bekommen, wie man den Kindern erklärt, dass der Papa Krebs hat. Alles unter dem Motto "Schweigen ist Silber, Reden ist Gold". Alles offen und ehrlich, ohne aber Angst zu machen... 

Also sitzen wir und erklären. Sie hören aufmerksam zu. Und zum Schluss sagen wir: "Wir passen alle ganz dolle auf den Papa auf..." und Nicky sagt: "...dann wird Papa bald wieder gesund." 

Tja. Da fehlen uns die Worte. Ich starre Paul nur an und merke, wie meine Augen feucht werden. Er fängt sich schneller und sagt: "Genau"... 

Draußen scheint die Sonne und in mir regnet es. Ich singe den ganzen Tag vor mich hin. Irgendwas. Kinderlieder. Schlager. Metal. Werbeslogans. Ich weiß, dass ich damit nur versuche, die Tränen wegzudrücken. Die mir zum Verhängnis gewordene Fassade brauche ich jetzt. Sogar meine Psychologin stimmt darin mit mir überein. Ein Balanceakt. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Jeden Tag lerne ich mehr, mit der Situation umzugehen. Mal ein Schritt zurück, mal zwei nach vorne. Und so folgt auf Regen auch immerwieder Sonnenschein... 

 

 

20.05.16 

Heut Chemo-Start. 8 Tage nach der Diagnose. Wir könnten kaum zufriedener sein. Sie geben sich solche Mühe. Und doch kommt es einem vor, als würde man ein Mal um die Welt gejoggt und endlich an der Zielflagge angekommen sein... 

Ich bin so stolz auf meinen starken Mann und auf meine Familie und Freunde. Besonders aber auf Pauls Bruder, der so wie ich so viel Zeit wie es irgend geht bei Paul verbracht hat. Zu dritt haben wir die vergangenen 8 Tage gemeistert. 

Alle für Einen. 
Familie Musketier... 

 

 

18.05.16 

Und dann wieder diese Momente, in denen mir klar wird, dass es alles schon fast egal ist. Die Liebe endet nicht. In unseren Eheringen steht "Herz und Seele für ewig". Und so isses...  

Es klingt bizarr, aber ich beginne, auch mal glücklich zu sein. Ich habe meinen Seelenpartner und es ist egal was morgen ist. Heute zählt.  

Die Vögel singen schöner als zuvor. Die Bäume sind grüner als zuvor. Die Luft ist klarer als zuvor. Der Schleier des Schocks lüftet sich allmählich und ich komme in meinem neuen Leben an.  

Ist das der Anstoß, den ich bezüglich meiner Depression brauchte um wieder zu genießen? Auf jeden Fall aktiviert es all meine Kraft und ich fühle mich immer öfter so stark wie schon lange nicht mehr. Klar ist Verdrängung im Spiel. Ganz ohne geht es noch nicht. Und ich drohe hier und da abzustürzen. Aber ich fange mich leichter. Es kann nachher schonwieder ganz anders sein. Tränenreich sogar. Aber auch das überstehe ich...  

Ich liebe ihn und meine Kinder. Und sie mich. Ist nicht alles andere Nebensache? Ist das nicht genug, um glücklich zu sein?  

Ich muss es mir immerwieder sagen. Ich schaffe das... 

 

 

 

16.05.16 
Warum gibt es keine Erfindung, die aufzeichnet, wie es sich anfühlt, Pauls Gesicht zu berühren. Mit ihm zu kuscheln. Ihn zu küssen. Mit ihm Händchen zu halten. In seinen Armen zu liegen, so dass ich dem Schicksal trotzen kann und ihn immer spüren werde... Ich will das nie missen. Und doch muss ich irgendwann... 

 

 

13.05.16 

Ich war Glück gegenüber schon immer etwas misstrauisch. Wir hatten immer viel davon, getreu nach dem Motto: "Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her." Irgendwie kam von irgendwo her immer Glück. Sei es Pauls schwerer Motoradunfall, die risikoreiche Drillingsschwangerschaft, oder auch kleinere Sorgen wie ein finanzieller Engpass oder whatever. 

Nun gleicht sich alles aus. Nun fordert das Schicksal uns mehr denn je heraus. Knochenkrebs. Faktisch unheilbar. Paul. 

Ja, tief durchatmen - Das muss ich mir immerwieder sagen.  

Bei dieser Krebsart wird vieles angegriffen. Das Immunsystem, aber allen voran die Knochen. Sie lösen sich mit der Zeit auf und können spontan brechen. 

Da die Wirbelsäule schon an vielen Stellen durchlöchert und an einigen frakturgefährdet ist, startet in ein paar Tagen hoffentlich die Bestrahlung mit radioaktivem Irgendwas. Einer der Halswirbel ist so stark betroffen, dass eine Verletzung des Rückenmarks und damit eine Querschnittslähmung Hals abwärts droht. Mit der Bestrahlung wird das aufgehalten. Neuer Knochen bildet sich in dem entstandenen Loch allerdings nicht. Eine Art Bindegewebe bildet sich und wird stützen.  

Danach startet so schnell wie möglich die Chemo. Anschließend Stammzelltransplantation. 

Wie sehr das die Lebenserwartung verlängert, wissen wir noch nicht. Auch das volle Ausmaß der Erkrankung steht noch nicht fest, weil die Knochenmarksprobe noch nicht komplett untersucht ist. Das braucht in diesem Fall etwas länger. 

Freunde und Familie stehen uns mit aller Kraft bei. Das erleichtert. Schließlich brauchen wir auch Kraft für unsere Kinder. 

Keine zwei Tage ist die Diagnose her. 

Wie anders jetzt schon alles ist. Schon jetzt sieht man einiges mit anderen Augen. Jede Berührung ist tausendmal schöner als zuvor. Jedes Lächeln ist kostbarer. In klaren Momenten genießt man Kleinigkeiten mehr als je zuvor. Die Hektik des Alltags kümmert nicht mehr... 

Jeder, der uns kennt, weiß dass wir wie ein Herz und eine Seele sind. Und doch schweißt es uns noch mehr zusammen. Das Wort "Liebe" beschreibt nur einen Bruchteil des Gefühls, das uns verbindet. 

Wir sind stark füreinander. Trösten. Muntern auf. Spenden Zuversicht. Halten Gedanken, die sich mit dem Schlimmsten befassen im Zaum... 

Verurteilt mich nicht, für meinen Post. Die Dinge niederzuschreiben und Preis zu geben, hilft mir bei der Bewältigung... 

Wenn ihr mal eine Hand frei habt, drückt uns die Daumen... 

 

 

 

11.05.16 
2:38 Uhr  
Ich schrecke hoch von einem markerschütterndem Heulen im Kinderzimmer. Ich springe aus dem Bett und wetze hin. Nicky heult, als hätte man sie aus einem Hochbett geschupst (sie schläft nahezu zu ebener Erde). Ich: "Hey Süße, was ist los?", und tätschel ihr beruhigend den Kopf. Nicky: "Wo is mein Kakao? Mein Kakao...". Ich stutze wie so oft, wenn Nicky den Mund auf macht: "Es gibt jetzt keinen Kakao, mein Schatz. Schlaf. Schhhhhh (oder schreibt man schschsch?). Morgen früh bekommst du einen Kakao." Nicky drummelt wieder ein, ich geh klopfenden Herzens ins Bett und schlafe ein... Morgens kaum ext sie ihren Kakao, stellt den Becher ab, schnauft auf und sagt: "Mama, ich mach dich fertig."... Ähm... Und an der Kita fragt wie mich, ob ich sie nachher auch wieder abhole. Na ich weiß nicht. Das überleg ich mir bei der Kampfansage nochmal gründlich... 

 

 

05.05.16 
Hanna: "Wo is Nina?" 
Ich: "Bei Oma Moni und Opa Hasi." 
Hanna: "Und wo is Nicky?" 
Ich: "Bei Onki." 
Hanna: "Ich will auch weg." 

 

 

26.4.16 

Nicky: "Mama, du bist so süß." 
Ich: "Ach, das is aber schööön. Danke Nicky." 
Nicky: "Und du bist so niedlich." 
Ich: "Ach, das find ich aber toll." 
Nicky: "Mama?" 
Ich in Erwartung weiterer Komplimente: "Ja, mein Schatz?" 
Nicky: "Du bist ein Elefant." 
Ich bin selten um ein Wort verlegen, aber DAS... 
Ein par Augenblicke später hab ich mich einigermaßen gesammelt, erkenne die offensichtliche Verwechslung und sage: "Nein, kein Elefant. Du meinst eine Gazelle, Schätzelchen." 
Nicky: "Nein, du siehst aus wie ein Elefant." 
Ich frag in die Runde: "Mädels, bin ich etwa dick?" 
Im Chor: "Ja." 
Ich schau an mir runter: "Wirklich?" 
Die drei Naseweise: "Ja!" 
Ich: "Wo denn? Hier?" Ich deute auf mein Bäuchlein, von dem Nicky vor ein paar Tagen behauptet hat, ich hätte zwei. 
Nina: "Jaaaa!" 
Ich deute auf mein Heck: "Hier auch?" 
Nina gluckst: "Jaaaa!" 
Ich schaue betreten angesichts der schonungslosen Ehrlichkeit. 
Hanna: "Macht nix. Du bist doch die Mama!" 
Ich: "Ach, und als Mama darf man dick sein?" 
Hanna nickt. 
Ich: "Und die anderen Mamas? Die sind ja nicht so dick." 
Hanna: "Doch!" 
Ich: "Jaaa? Dann haben die bestimmt einen richtig guten Bauchwegschlüpper, wa?" 
Hanna nickt. 
Ich: "Mmh. Dann sind die auch alle so dick, wenn die nackig sind?" 
Wieder ein Nicken. 
Ich gebe mich erleichtert.  
Da legt Nicky einen hinterher: "Mama, du siehst aus wie ein Löwe." 
Und ehe ich beginne, an meiner Frisur zu zweifeln, sag ich: "So, nun aber Schluss mit dem Zirkus, ehe ich noch zum Clown werde. Gute Nacht!" 

... Wenn ich das verdaut habe, muss ich unbedingt diese Schlüpper haben... 

 

 

 

24.04.16 
Ein bisschen Kuscheln nach dem Mittagsschlaf. Ich schmiege meinen Kopf an Nickys Brust und Bauch und schließe die Augen. Sie schlingt die Arme um meinen Kopf, streichelt meine Haare entlang und sagt irgendwann: "Is ja alles gut, meine süße Mama. Du bist bald wieder gesund." 
Da fehlen mir schlichtweg die Worte... 

 

 

27.04.16 
Ich: "Was wollt ihr gucken? Lauras Stern oder Benedikt der Teddybär?" 
Paul: "Top Gear!" 
Nicky und Hanna: "Heidi!" 
Paul: " Also Top Gear" 
Ich: "Demokratie, Schatzi..." 
Paul guckt mich groß an: "Ja, wie hier im Staat. Alle haben das Gefühl, sie dürfen mit entscheiden, aber am Ende wird eh gemacht, was der Boss will." 
Ich: "Jaja... Bilde dir das mal ein..." 
Und im Gehen hör ich ihn noch: "Top Gear heißt der Teddybär!" und dann die Titelmelodie von Heidi... 

 

 

21.04.16 

Endlich wieder im Bett. Noch eine Stunde bis der Wecker klingelt...  

Eineinhalb Stunden saß ich an Nickys Bett. Heuschnupfen. Also juckende Augen, verstopfte und trotzdem laufende Nase und dolle Husten. Das macht das kleine Mädchen fix und fertig, wo sie doch so müde ist, aber nicht schlafen kann. Sie weint und weint und will in mein Bett. Aber es geht und geht nicht. Darf eine Maus, wollen die anderen auch. Und dann schläft vor lauter Enge am Ende keine. Also bleib ich an ihrem Bett, bis sie ruhiger ist. Ich frage sie viel, damit sie durch's Nachdenken abgelenkt ist: 

"Hattest du heut Spaß in der Kita? Mit wem hast du gespielt? War das schön? Hast du auch gemalt? Oh, was denn? Guck mal; auf deiner Decke sind Schildkröten - magst du die? Mama mag die auch. Ich hab mal echte Schildkröten gesehen. Die waren sooo groß. Ein Lied möchtest du? Welches denn?... Kommt ein Vogel geflogen... Alle meine Entchen... Bibi und Tina... Dornröschen war ein schönes Kind... Benjamin Blümchen... Alle meine Entchen... Flieg ins Glück... Bibi und Tina... Hopp hopp hopp... Schneeflöckchen...Kommt ein Vogel geflogen... Soll ich nochmal Bibi und Tina an machen? Lieber Hexe Lili? So? Okay, ich mach ein bisschen lauter. Ja, ich deck dich nochmal zu. Nochmal singen? Okay. *repeat*..."  

Dann wird noch gepullert, ein Geheimnis in mein Ohr geflüstert, was von Pferden erzählt, geknutscht, gedrückt, "ich hab dich lieb Mama. Du bist meine Freundin!", zugedeckt, was getrunken, wieder zugedeckt, Licht aus, Bett, Ruhe. Naja, bis auf Pauls Schnarchen. Aber egal. Ich grabbel nach seiner Hand und Kraft und Wärme durchströmt mich.  

Ich liege auf dem Rücken und es überkommt mich ein Gefühl der Zufriedenheit. Wie meine vier Lieblinge um mich herum so schlafen, fühle ich mich wie der Wächter ihres Schlummerlandes. Spüre Erfüllung. Spüre meine Stärke. Irre. Und das wo ich gestern Abend beim Abholen der Kinder aus der Kita einen Zusammenbruch hatte. In der Kita und auf dem Parkplatz davor. Heftig. Aber jetzt - jetzt bin ich geerdet. Noch 40 Minuten bis der Wecker klingelt. Aber ich bin ruhig. Nehme mir von dem bisschen Zeit noch welche zum Schreiben. Auch mal das Schöne festhalten. Wie gut sich Mamasein anfühlen kann. Trotz allem Stress und Zeitdruck. Es ist ein kleines Wunder, dass ich voller Geduld und sogar Seelenruhe bei Vicky gesessen habe. Es sogar genossen habe. Wieviel eine Mama doch bewirken kann. Wie mächtig diese innige Beziehung ist. Magisch. Mein kleines Mädchen ist so zauberhaft. Und ich darf daran teilhaben. Ein großes Stück ihrer kleinen Welt sein. Was für ein Geschenk. Und das gleich drei Mal...  

Es kann sich so wundervoll anfühlen. Und trotzdem tut es das oft nicht...  

Aber ich lasse mich nicht runterziehen von meinen Schwächen. Ich ziehe mich an meinen Stärken hoch. Ich muss. Ich will. Ich schaffe das. Oder? Immer Zweifel. Aber so langsam mehr Zuversicht als Zweifel.  

Es ist wichtig, das zu realisieren: es geht bergauf... 

 

 

 

08.04.16 

Tierparkbesuch: 

Hanna: "Bääääh" 
Ziege: "Bääääh" 
Hanna: "Bääääh" 
Ziege: "Bääääh" 
Nichts geht über eine gepflegte Unterhaltung unter Seinesgleichen. 

 

 

 

07.04.16 
Ich: "Kommste mit raus?" 
Er krächzt: "Nee." 
Ich: "Oh, das hast du falsch verstanden - ich habs wie ne Frage formuliert, war aber eigentlich n Befehl." 
Er: "Ich komm nich mit raus. Ditt is kalt und nass und iiih." 
Ich deute auf meinen Ringfinger: "Denk daran, ich hab den Ring um den Einen zu knechten." 
Er: "Meine Ärztin hat gesagt, Liegen und Ruhe." 
Ich: "Is mir schnuppe. Ick bin hier der Bestimmer." 
Er: "Ick will nich!" 
Ich: "Watt heißt 'ick will nich'? Dass ditt mal klar is: Du hast den selben Status wie die Kinder. Du hast hier nüscht zu wollen!" 
Er lacht-keucht. 
Ich grummel und zieh von dannen.  
Und nun sitze ich draußen und (er-)warte, dass der Herr zu Kreuze kriechend raus kommt. Man hat's echt nich leicht mit 4 Kindern... 

 

 

27.03.16 
Sonntags um zu:früh Uhr. Genau weiß ich's nich wegen der Zeitumstellung und meiner Faulheit, länger drüber nachzudenken. Drüben im Kinderschlafzimmer herrscht infernalischer Krach. Ich will gar nicht wissen, wie chaotisch sie das Zimmer zugerichtet haben. Ich sag zu Paul: "Ich wette, sie toben nackig durch alle Betten" (wie sie es nur allzu oft tun). Paul meint, ich soll einfach mal ins Babyphone gucken. Gesagt, getan. Und da hocken sie alle drei bei Nicky im Bett. Oben mit und unten ohne. Wie man auf nicht mal 2 Quadratmetern so laut sein kann? Kein Schimmer. Und dann sehen wir, wie Nina Nicky eins überbrät. Nicky gespielt theatralisch: "Huhuuuuhuuuuu" Hanna: "Ich zieh jetz meine Hose an und geh zu Papa und sag ihm das." Nina: "Nein bitte nicht Papa sagen. Dann ärgert mich Papa." Paul und ich schauen uns mit großen Augen an. (Anm: Gestern hat sie Hanna geohrfeigt und Papa hat geschimpft und - OH GRAUS - eine Entschuldigung von Nina verlangt.) Hanna zieht sich also an und schon steht sie an Papas Bett: "Papa, Nina hat..." Ich: "Stopp Hanna!" Und schon ist Nicky da: "Mama, Nina hat..." Und ich wieder: "Stopp stopp stopp... Ihr sollt doch nicht petzen! Nina ist eure Schwester und ihr sollt zusammenhalten." Es nützt nix. Halb atemlos plappern sie drauf los, wie grausig die kleine Schwester zu Nicky war. Nicky stellt es sogar mit dem mitgebrachten Kuschelhasen dar und macht: "Huhuuuuhuuuuh". Hanna geht ein Licht auf: "Da sind keine Tränen. Der weint gar nich richtig." Da schleicht Nina zu uns. Der Kopf leicht gesenkt für den Dackelblick und ein verschmitztes Grinsen auf der Schnute, dass sie sich offenbar nicht verkneifen kann. Ich: "Komm her, Süße." Und wenig später liegen wir alle in der Sonntagsposition auf dem Bett: Papa gemütlich ausgestreckt in seiner Hälfte. Hanna an ihn gekuschelt und Nina und Nicky in meiner Betthälfte. Und wieder bin ich dankbar, dass sie nur knapp n Meter kurz sind und ich wenigstens noch mein Fußende habe, auf das ich mich nun quer lege. Sie schauen "Peppa Wutz" auf Papas Tablet und ich liege hier und halte den Wahnsinn fest. Und was passiert? Nicky in ihrer gewohnt rücksichtslosen Art tritt mir mit voller Wucht gegen's Becken. Ich mache - vielleicht etwas theatralisch: "Auuuuuuaaaaaaa!!!!" Hanna dreht sich zu mir, guckt kurz, dreht sich zu ihren Schwestern und sagt zu ihnen "Da sind keine Tränen..." und als wäre nichts gewesen schauen sie wieder aufs Tablet... Na das mit dem Zusammenhalten haben sie ja fix gelernt. 

 

 

26.03.16 

Nicky hat schon ihre Kussis kassiert, ist unter ihre rosa Decke geschlüpft und dreht sich grad in ihre Schlafposition. Ich steh an Hanna's Bett und schau ihr dabei zu, wie sie ihre 1001 Kuscheltiere und -kissen sortiert und dabei durch's Bett wuselt. Dann blicke ich neben mich auf den starken Rücken meines Mannes mit dem schon ordentlich ergrauten Schopf darüber. Links bammeln Ninas Beine von seinem Arm, rechts seh ich ihr Köpfchen und ihre Mähne, er wiegt sie hin und her und singt-brummt ihr 'La Le Lu' vor.... Und in solchen Momenten steht alles rund um uns still und meine ganze Welt ist hier auf diesen Quadratmetern.  

Alles was zählt, ist meine Familie. Alle Liebe gilt meiner Familie. Alle Kraft schenkt mir meine Familie. Mein Mann, meine Kinder, meine Eltern, mein Schwager und meine Schwiegereltern. Diese neun Menschen sind mein größter Schatz und mein ganzes Glück. Was wär ich ohne sie... 

 

 

25.03.16 
Nicky: "Ich glaub ich muss kotzen" 
Ich rase zum Eimer holen. Man kann ja nie wissen, ob se es nich vielleicht doch ernst meint. Ich halt ihr das Teil unter den Schnabel. Sie hustet: "Ich muss noch warten, bis die Kotze kommt." Ich: "Man sagt nicht 'Kotze'. Man sagt 'Erbrochenes'." Papa meldet sich zu Wort: "Nee, Nicky, bei uns heißt ditt 'Kotze'." Ich empört: "Gar nicht. Das gehört sich nicht für eine künftige Weltherrscherin!" Nicky: "Jetz muss ich Kacken."... Ich komm ihr jetz besser nicht mit koten, ausscheiden, stuhlgängeln und Co, sonst werd ich noch ausgelacht.. 

 

 

25.3.16 
Spruch des Tages: 
"Pass mal auf: N bissl Privatsphäre brauch ich auch, und wenn's nur beim Kacken is!" 
(Antwort übrigens: "Ich pass nur auf dich auf, damit du nich alleine bist.") 

 

 

19.03.16 
Mein Spruch des Tages: 
"Ditt is mir ejal, watt du willst - du bist minderjährig. Ick bin hier der Bestimmer!" 

 

 

17.3.16 
Meine letzte Anweisung an meinen Mann für heute: "So pass uff: Wenn die Kinder heute Nacht watt von MIR wollen, jibste ihnen Zettel und Stift, da können se uffschreiben, watt se möchtn. Die Zettel nimmste entgegen und sachst ihnen: Bearbeitungszeit ca. 8 Stunden. Klar?" 

Und er: "Kannste mir nich vorher sagn, dass de Blödsinn erzählen willst, damit ick weghören kann?" 
Mmh. Befehle entgegennehmen is wohl nich so seins... 

 

 

 

Depressionen - ist doch nur Einbildung! 
oder: 
Mein Seelen-Striptease 

Allen voran: Das hat nichts mit Drillinge oder nicht Drillinge zu tun. DAS kann jedem von euch passieren. 

Aktuell wiederfährt einer Freundin etwas, was ich zum Glück nicht durchmachen musste. Sie leidet ebenfalls an Depressionen, wird aber nicht ernst genommen. Sie soll sich zusammenreißen. Sie soll sich nicht so haben. Sie soll einfach zum Arzt gehen und dann ist gut. Ein paar Pillen einwerfen, wenn's denn überhaupt sein muss. 

Bullshit!!! 

Ich bin seit November 2013 depressiv und seit März 2015 nahezu durchgehend krank geschrieben. Und zwar nicht faul-krank. Das ist keine Farce. Das ist keine Frage von Fleiß oder der richtigen Arbeitseinstellung. Das ist keine Frage von Aufmerksamkeit bekommen wollen. Vielmehr geht es um Unversehrtheit des Leibes und um's Überleben. 

Wen es interessiert... 

Der Grund für meine (!) Depressionen war unter Anderem, dass ich nicht ein, nicht zwei, nein, drei Kinder mit einem Schwung bekommen habe. Dass ich 11 Wochen zuvor in der Charite "gefangen" war. Ja, das hat meinen Mädels und vielleicht mir das Leben gerettet, aber es war traumatisch. Auch 4 Wochen lang nach der Geburt meine Kinder in den Inkubatoren zu sehen, nur zu funktionieren, zu funktionieren, zu funktionieren, hat Spuren hinterlassen. Vorsingen? Geschichten erzählen? Genießen? Nichts konnte ich. Nein, nicht mal lieben. Ja, haltet mich für ein Monster. Aber ich verdränge nichts mehr. Erst daheim habe ich begonnen, zu lieben. Mehr als Pflichtbewusstsein zu spüren. Langsam. Aber stetig wachsend... 

Aber Liebe hin oder her; Drillinge sind eine Kraft- und Geduldsprobe. Sie allein waren "kein Problem". Aber nach der Elternzeit wieder Vollzeit einzusteigen, wie es Generationen vor mir taten und wie es in meinem Umfeld alle tun, brach mir das Genick. Nur 3 Monate später saß ich beim Psychiater und bekam Pflanzliches. Antidepressiva lehnte ich ab. Ich hab doch keine Macke. Ich hab ein Tief. Und Antidepressiva haben einen verdammt schlechten Ruf. Schlimmer soll es werden. Zum Äußersten soll es führen. Nein, lieber nicht.  

Nach 6 Wochen krank wieder Vollzeit. Anfangs lief alles über Verdrängung. Probleme hab ich weggelächelt und mit Sarkasmus geschmückt und verherrlicht. Die Frage "Wie geht's dir?" habe ich immer mit dem allzu beliebten "Muss ja." beantwortet. Seid ehrlich - bei 90 Prozent der Menschen, die ihr fragt, wie es ihnen geht, interessiert euch die Antwort einen Dreck und ihr seid froh, wenn sie euch nicht mit ihren "Belanglosigkeiten" zulabern... 

Zur Verdrängung kam Vermeidung hinzu.  
Ich vermied, was mich am meisten Kraft kostete. Nicht die Arbeit; nein, meine Kinder. Wieder die Monster-Mutter, denkt ihr? Nein, der Trieb, zu funktionieren. Auf Arbeit funktionierte ich. Viele Überstunden. Aber viel Anerkennung. Anerkennung kriegt man als Mutter so selten, dass man sie im Verhältnis zum Kräfteaufwand gar nicht für voll nimmt. Zumindest, wenn man nicht in der Lage ist, zu erkennen, dass alles was die Kinder sind und ausmacht, mein Werk sind. Mein Verdienst. Der Stolz auf sie, den ich empfinde, ist im Prinzip Stolz auf mich. 

Aber sowas Positives lässt meine Erkrankung nicht zu. Es gab immer weniger Schönes. Kein Genießen. Kein Antrieb. Kein Gefühle. Tränen inmitten meiner Kinder. Ja, stellt euch ein Häufchen Elend auf dem Spielteppich, umgeben von Spielzeug, Büchern und drei Würmchen vor. Das Gesicht ist ausdruckslos. Die Tränen rollen das Gesicht runter. Den Hals. Die Brust. Mein Mann blickt mich fragend und erschüttert an. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, schaue verzweifelt und schüttel langsam den Kopf. Denn ich weiß nicht was los ist. Ich erkenne meine Hilflosigkeit. Mein Mann ist blitzschnell bei mir. Alle Dämme brechen. Ich schluchze unkontrolliert. Ja, du lieber Himmel, ich sabbere wie ein Baby. Ich zitter. Ich sacke zusammen. Ich weiß nicht was ich fühle. Ich bin leer. Und gleichzeitig so voll. Voll von Emotionen. Welche dominiert? Es wechselt. Stetig. Im Sekundentakt. Verzweiflung. Dankbarkeit. Hilflosigkeit. Liebe. Angst. Unzählige mehr. Und alles inmitten meiner Kinder.  

Alles zunächst nur in Gegenwart meines Mannes und meiner Eltern. Ich öffne mich erst sehr viel später anderen.  

Ja, sogar mich selbst belüge ich. Oh, und wie gut ich darin bin. Eine waschechte Fassade aus Sarkasmus, Verdrängung und Weglächeln baue ich mir auf. Aber im März 2015 passe ich nicht auf. 

Morgens fragt mich eine sehr gute Freundin wie es mir geht. Und hey, sie gehört zu den Menschen, bei denen es keine Floskel ist. Und hey, ich habe einen schwachen Moment und: Bin ehrlich. Erzähle und erzähle und weine und weine... Dann heißt es, Kinder wecken, ab zur Kita und zur Arbeit. In dem Zustand. Ich kann meine Fassade nicht schnell genug wieder hochziehen.  

Auf dem Arbeitsweg hab ich zum ersten Mal den Gedanken. "Wenn ich jetzt beschleunige, hab ich's hinter mir.". Es schockt mich. Ich verstehe es nicht. Woher kommt das? Was? Was? Was soll das? Wie komm ich auf sowas? Schnell die Fassade hoch. Nicht mehr lange bis zum Ziel. Alles wegdrängen. Weg. Weg. Weg. Das fröhliche "Guten Morgen" gelingt mir nicht ganz so wie sonst. Und dann in meinem Zimmer, die Kollegin, die mich lesen kann, wie ein Buch. Sie fragt, ob alles ok ist. Und auch bei ihr ist es keine Floskel. Aber nein, die Fassade. Die Fassade! "Ja" sag ich. Sie guckt fragend. Ich heule. Heule. Heule. Heule. Fange mich irgendwann. Aber es reicht nicht. An diesem Tag breche ich immerwieder zusammen. Und seit dem drauffolgenden bin ich nun krank geschrieben. 

Inzwischen nehme ich Antidepressiva. Ich war 9 Wochen in einer Tagesklinik. Mit bemerkenswerter Besserung. Bin im sogenannten Hamburger Modell wieder ins Arbeitsleben zurückgekehrt. Gleich am ersten Tag hab ich nach zwei Stunden geweint. Am zweiten und dritten erst abends. Danach gab es gute Tage. Immer im Wechsel. Bis - ja, bis der Sensenmann es auf meinen Papa abgesehen hatte. Nierenversagen. Es war sauknapp. Aber er hat es überstanden. Aber dieser Belastung halte ich nicht stand. 14 Tage später breche ich das Hamburger Modell ab.  

Es geht mir schlechter denn je. Selbstmordgedanken. So oft. So schockierend. Ja, ich träume sogar davon. Und was Neues: Ich will mir weh tun. Ein Messer im Oberschenkel ist verlockend. Ein Messer. Scharf. Wie Bastelmesser. Oh, wie sie locken. Himmel, wie kommen diese Gedanken in meinen Kopf? Mein Mann versteckt sie sicherheitshalber. 

Es ist für "gesunde" Menschen nicht nachvollziehbar, was das ganze "Affentheater" soll. Per Definition ist Depression eine Stoffwechselstörung im Hirn. Botenstoffe kommen nicht am Ziel an. So einfach ist das zu erklären. Was kann man tun? Pillen. Aber sie allein helfen nicht. Sie brauchen unterstützend Psychotherapie und vieles mehr um effektiv zu sein. Aber komm erstmal an einen Therapieplatz. 54 Ärzte habe ich abtelefoniert. Seit Februar nun endlich in Behandlung. 5 Sitzungen habe ich hinter mir. Über 160 folgen noch. Mindestens... 

Für euch ist es nun: Sie ist irgendwie traurig, will sich umbringen und aufschneiden. Oh, aber es ist so vielmehr. Es gibt so viel dazwischen. Nein, ich will das Schlimmste nicht täglich. Manchmal wochenlang nicht. Oft gibt es viele gute Tage hintereinander. "Viel" heißt zwei oder drei. Lächerlich. Ist aber ein Silberstreifen am Horizont. Ich lebe. Ich fühle. Ich empfinde. Ich empfinde Glück. Ich genieße. Ich liebe. Ich gebe. Ich lache. Ich bin ICH. Und dann... 

Dann wieder die neue Normalität. So fühlt es sich an: Wir sitzen beim Abendbrot. Die Kinder sind lebhaft. Kinder eben. Meinem Mann ist es, wie mir auch, zu laut. Aber er erfreut sich zu sehr an den Kindern, als dass es ihn wirklich berührt. Ich aber - ich beginne mit einem Bein zu wackeln. Dann das zweite. Dieses nervöse, schnelle Auf und Ab, das man von den ungeduldigen Nervensägen aus dem Wartezimmer kennt. Immer schneller. Ich fange an innerlich zu zittern. Schauer durchlaufen mich. Erreichen meinen Kopf. Es fühlt sich an, als hätte mein Hirn Platzangst. Als würde es mit aller Gewalt aus meinem Schädel wollen. Das Blut rauscht mir hin und wieder in den Ohren. Ich habe Probleme mich zu konzentrieren. Spricht mich eines meiner Kinder an, wiederhole ich ihr Gesagtes. Manchmal mehrmals. Bis es in meinem Kopf angekommen ist, und ich weiß, was sie gesagt hat und was ich machen oder antworten muss. Ich habe Probleme, die richtigen Worte zu finden. Stottere. Schließe immerwieder angespannt die Augen. Wenn es beinah eskaliert in mir, presse ich kurz und schmerzhaft heftig beide Hände vor mein Gesicht. Kratze mir mit den Fingernägeln über die Stirn. Möchte mir die Haut abschälen. Aber sie sind zu stumpf. Bohre sie in die Tischplatte. Aber sie sind zu hart. Ich kratze darüber. Keine Spuren. Ich seh das Küchenmesser auf dem Tisch. Ich schließe die Augen. Versuche den Gedanken nicht zuzulassen. Aber da ist er. "Nehmen, in den Oberschenkel rammen und erleichtert aufatmen". Das will ich jetzt. Nein! NEIN! Will ich nicht. Verdammt. Was denke ich da? Ich muss raus. Ich stürme raus. Jacke. Zigarette. Feuer. Ruhe. Ruhe. Ruhe... 

Ich habe beschlossen, dass nicht mehr zu wollen. Das abstellen zu wollen. Gesund zu werden. Mich in Behandlung zu begeben. Wieder ICH sein zu wollen. Mehr als 3 Tage im Monat. Immer. Keine Monster-Mama zu sein. Nein, ich bin keine, jeder der mich kennt weiß das. Und, oh Wunder, auch ich weiß das. Aber manchmal fühle ich nicht, was ich weiß. 

Der wichtigste Schritt ist getan. Ich habe mir Hilfe gesucht. Ärzte. Medizin. Aber was mir am meisten hilft, sind die Menschen um mich herum. 

Die, die ich liebe. Die, die mich ebenso sehr lieben. Die, die sich interessieren. Die, die die Wahrheit verdienen. Die, die es einfach wissen sollten. 

So wie ihr alle. 

Warum? Warum so öffentlich? 

Weil ich kein Einzelfall bin. In vielen von euch und um euch schlummert diese Krankheit. Oft unbemerkt. Oft verdrängt. Und allzu oft nicht ernst genommen. 

Gegen Verdrängen kann nur derjenige selbst etwas machen. Aber allen Außenstehenden möchte ich ein Stück weit die Augen öffnen. 

Hört nicht nur: "Geht so" oder "Muss ja". Fühlt es! Fühlt die Aufrichtigkeit. Wollt die Antwort wissen. Hört zu. Verdammt nochmal, hört zu. Rettet Leben!  

Allein durch Zuhören hat mir mein Mann im vergangenen Jahr unzählige Male das Leben gerettet. Das ist nicht überspitzt. Das ist kein Quatsch. Das ist erschreckend wahr.  

Mit Reden ist einem Depressiven in den schlimmsten Phasen am Meisten geholfen. Es muss kein Experte sein. Es muss kein Rat gegeben werden. Es muss nur gefragt und zugehört werden. Alles andere kommt beim Reden. Es ist, als würde man aus dem Matsch aufstehen und sich unter die Dusche stellen. Reden ist reinigend. Klärend. Es ist Lebensrettung. 

Bitte - seid wachsam. Hört zu. Es kann auch einen von euren Liebsten treffen. Nehmt sie ernst! Es kann auch euch selbst treffen. Dann wünsche ich euch, ernst genommen zu werden! 

Habt ihr überhaupt zu Ende gelesen? Hat es euch überhaupt interessiert, was ich da für einen langen Text schreibe? Was jault sie denn? Seid ihr die 90 %, die erleichtert sind, wenn die Antwort "muss ja" lautet?  

Wenn nicht; wenn ihr hier angekommen seid, dann helft mir und Meinesgleichen.  

--- Bitte hört zu! --- 

 

 

 

28.02.16 

Höret und staunet! 

Nicky hat die Textzeile eines uns allen bekannten Klassikers um ein entscheidendes Wort ergänzt: 

"Rapunzel, lass bitte dein Haar herunter!" 

Die Verfasser sollten sich bitte was schämen! 

 

 

 

20.02.16 

1:38 UhrNicky bettelt so lange bis ich sie in unser Bett lasse. Klingt alltäglich; ist bei uns aber eine Premiere. Sowohl, dass ein Mäuschen bettelt, als auch, dass es bei uns schlafen darf. Ich nehme ihr also das Versprechen ab, dass es nur diese eine Nacht ist und dass sie es nicht ihren Schwestern verraten darf. (Die nächsten Tage werden uns zeigen, wie naiv das von mir war.) Wir dackeln beide ins Ehebett, lauschen Papas markerschütterndem Schnarchen und wie bei einer Selbsthypnose schlafen wir vom Augenrollen ein...3:06 UhrIch versuche mich umzudrehen. Und scheitere kläglich. Der kleine Bettlandräuber wird wach und streckt seinen Arm auf meiner Bettseite aus. Wo zum Kuckuck soll ich mich nu hinlegen? Vorsichtig lege ich ihren Arm auf ihre Brust. Mmh. Klappt. Misstrauisch lege ich mich zurecht und schlafe wieder ein...3:52 UhrHä? Was is los? Autsch. Was zum... Ihre Beinchen bohren sich in meinen Rücken. Grrr. Ich richte mich auf und stelle danach stolz fest, dass ich nicht aus dem Bett gefallen bin. Oh Wunder. Denn Zickchen hat sich von Papas Schulterblatt bis zu Mamas Bauch ausgebreitet. Quer. Ich schubse an ihren Beinen rum. Sobald ich sie loslasse, schnellen sie zurück. Ich halte sie also fest und drapiere mich geschickt drumrum...5:23 Uhr Nicky is wach. Also wach wach. So mit Augen auf, Kopf an und Mund in voller Fahrt. "Mama ich will aufstehen". Ich reiße entsetzt die Augen auf: "Nee!!!" Stille. Dann: "Ich will Bibi und Tina gucken." Ich rolle die Augen: "Neehee. Es is Nacht." Sie jammert. Sie quengelt. Sie mault. Sie is schlichtweg laut. Verräterisch laut. Wenn sie jetzt ihre Schwestern weckt, bin ich verraten. Vom Ende der Nacht mal ganz abgesehen. Nach langen Diskussionen, bei denen mir klar wird, wir laut, quäkig, nervtötend so eine zuckersüße Kinderstimme in der Stille der Nacht (von Papas Gesäge abgesehen) ist, legt sie sich tatsächlich wieder hin und: SCHWEIGT. Mein Misstrauen könnte nicht größer sein. Es bleibt leise. Ich wage es, dem Braten zu trauen, lege mich hin und schließe Augen...6:21 UhrEs jault von drüben. Manchmal kann man im ersten Moment nicht ausmachen, ob sie heulen, quengeln oder jauchzen. Nach und nach jedenfalls wird mir klar, dass sie mir mitteilen will, dass sie eingepullert hat. Einmal Umziehen später liegt Nina zwischen Papa und Nicky im Bett und ich mach auf meinem Kindle "Mary Poppins" für sie an. 6:47 UhrHanna fällt auf, dass es für diese Uhrzeit verdächtig ruhig im Kinderschlafzimmer ist. Sie brubbelt vor sich hin. Und ich mache das blödeste, was ich nur hätte tun können: ich stehe auf. Kaum hebt mein Hinterteil von der Matratze ab, hat sich Nicky schon meinen Rest vom Bett zu eigen gemacht. Resignierend trotte ich zu Hanna um sie rüberzuholen. Sobald sie merkt, wo es hin geht, rennt sie vor, wurschtelt sich zwischen ihre Schwestern und ich habe keinerlei Chance mehr. Und nun:Ich liege am Fußende meines Bettteils diagonal über der Ecke. Über mir ein kleiner Teil meiner Decke und in meiner Hüfte sechs Füße. So langsam fängt es an unruhig zu werden und so wird es wohl langsam ans Aufstehen gehen. Und ich frag mich, soll ich genervt oder erleichtert sein... 

 

 

 

19.02.16 

Unterwegs im großen Auto. Und ich meine Transportergröße. Ich am Steuer. Ganz lässig. Die Straße gehört mir. Alles easy. Da will sich doch glatt so eine aufgetackelte Tussi auf'm Drahtesel beim Abbiegen vordrängeln, sie Linksabbieger, ich will rechts rum, also Vorfahrt; bin also natürlich (!) im Recht. Böse funkel ich sie vom hohen Ross an und fahre um die Kurve. Ein Triumphgefühl macht sich breit. Da schlägt das Karma erbarmungslos zurück. Mit dem hinteren Rad begrüße ich die Bordsteinkante. Auf den billigen Plätzen nörgelt es: "Aua!" Ich unschuldig: "Watt is?" Er: "Ich hab das Rad schreien hören." Ich: "Na das glaub ich gern." Er: "Ach!?" Ich: "Naja, wenn ich das Rad wäre, hätte ich diese dreiste Bordsteinkante auch angeschrien." Er: " Ach!?" Ich: "Die sind aber im Moment auch aggressiv. Springen einfach auf die Straße ohne nach links und rechts zu schauen. Muss am Wetter liegen." Er: "Das wird's sein." Ich: " Schön dass wir uns einig sind."... 

 

 

 

17.01.16 

Nicky: "Mama du musst aufstehen!"Ich: "Aber ich will nich..."Nicky: "Aber du musst salat essen."Ich: "Aber ich will nich..."Nicky: "Is der Salat bäh?"Ich: "Ja. Pfui!"Nicky: "Dann musst du Ketchup essen."Ich: "Ketchup is auch bäh."Nicky: "Dann darfst du meine Hand ablecken."Ich: "Was is denn da drin?"Nicky: "Futter... Jetz bist du eine Katze."Ich: "Katzen schlafen 20 Stunden am Tag."Nicky: "Neeeee..."Ich: "Ja, ich weiß schon: Du hast die 4 anderen für dich reserviert."Nicky: "Ach mami, ich möchte doch runter gehen".Ich: "Was möchtest du denn unten machen?"Nicky: "Reiten, Mama!"Ich: "Aber worauf denn? Du hast doch kein Pferd."Nicky: "Ähm, auf einem Besen."Dacht ich mir... 

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