Archiv 2018

04.09.2018 

Bei allem über 38,0 Grad Körpertemperatur muss unser "master of desaster" sofort in die Rettungsstelle. Samstag Abend, nachdem die Kinder im Bett und der "Babysitter" postiert waren, sind wir also losgefahren. Blut und Röntgen - und mit einem Verdacht auf eine leichte Lungenentzündung und ein paar Pillchen durfte er entgegen unserer Erwartungen nach Hause. Genützt hat es leider nix, sodass wir nun im Krankenhaus auf ein freies Bettchen warten...  

Er liegt nun also auf seiner Pritsche im Untersuchungszimmer. Vorsichtig betastet er (selbst) Brust, Bauch und Seite.  
Ich: "Hör auf an dir rumzufummeln."  
Paul: "Wirste rollig oda watt?"  
Ich verdreh die Augen: "Nee, die Tür is offen."  
Paul: "Und?"  
Ich gespielt bieder: "Es könnte jemand Anstoß nehmen und sich aufregen...", und dramatisch: "... oder ERregen... ooooh wei."  
Paul: "Na bidde, meine gute Tat für heute." 
Ich: "Aha... soso..."... 

Schweigen...  

Paul: "Hunger."  
Ich: "Aha soso."  
Paul: "Weib, mir knurrt der Magen."  
Ich: "Auf Station findet sich später sicher was... Ein Krümel Brot. Ein Pfützchen Wasser. Ein Fitzelchen Wurst. Ein Gürkchen vielleicht... Sicher noch vor Sonnenuntergang..."  
Jetzt rollt er mit den Augen. Er ignoriert meine Spinnerei und pocht auf sein "Recht": "Gummibären will ich heut auf jeden Fall noch."  
Ich verschränke entschlossen die Arme: "Würdeste daheim nich kriegen - kriegste hier och nich."  
Er zieht die Augenbrauen hoch und sein Gesichtsausdruck fragt: 'Echt jetz?'.  
Ich: "Du bist fett... Ditt bissl Chemo und so reicht nich. Sind noch n paar Kilo. Also viele. Also viiiiiele."  
Er macht große Augen.  
Ich weiter: "Naja, is wie ne Hardcore-Moppel-Kur."  
Er schaut an mir hoch und runter und faselt was von Glashaus.  
Ich: "Dass die Tür offen ist, hält mich wiederum nicht davon ab, handgreiflich zu werden."  
Paul winkt mit einem 'Pah' ab und sagt: "Ick denke, keen Fummeln?"  
Ich schließe die Augen und atme tiiiief ein... 

Schweigen...  

Ein akustischer Zustand, den ich wo, wie und wann ich nur kann, bekämpfe.  
Ich: "Beim nächsten Mal setz ick mich aber durch. Dann bleibste gleich hier und nich erst drei Tage später."  
Paul: "Aha soso."  
Ich: "Sonst lass ick dich entmündigen."  
Paul lacht trocken: "Als wär ditt watt Neuet.".  
Ich: "Nein; watt du meinst is ein normales eheliches Verhältnis. Watt ick meine is ein eher elterliches Verhältnis. Denn musste nicht nur weil ich "den Ring um den Einen zu knechten" habe uff mich hören, sondern per Gesetz und so." 
Paul: " Aha soso." 
Ich verschränke die Arme, recke das Kinn in die Höhe und fühle gewisse Befriedigung. Ohne Fummeln. Ganz prüde aus der Natur der Sache heraus. 
Paul ahmt mit irrem Blick und rauer Stimme Golum nach: "Ja, mein Schaaatzzzz." 
Ich immernoch triumphal: "Für Golum biste zu dick." 
Paul: "Für n Ring bist du aber rund genug." 
Ich: "Vorsicht, Gandalf." 
Paul: "Hallooo - ich hab kaum Haare." 
Ich: "Stimmt. Bist auch eh zu fett für Gandalf." 
Paul reicht's: "Du kleene freche Pummelfee, ich würd dich ja zum Spiegel schicken, damitte mal guckst, von watte redest, wenn de mich fett nennst, aber der Spiegel is zu kleen." 
Ich spiele die beleidigte Leberwurst: "Aha soso... biste jetz zufrieden?" 
Paul: "JA!!! Regelrecht befriedigt." 
Ich brubbel: "Na bidde. Meine gute Tat für heute."... 

Schweigen... 

Paul: "Ick lieb ich." 
Ich deute auf meinen Ring: "Musste ja." 
Paul etwas lauter: "Weib!" 
Ich: "Jaja. Ick dich och." 
Er hebt die Augenbraue. 
Ich: "Sehr..." 
Er: "Ick weeß..." 
Ich: "Biste och brav und kommst schnell nach Hause?" 
Er: "Klar." 
Ich bin besänftigt. 
Er: "Brauche ja Gummibären." 
Ich stelle wieder auf zickig: "Und ick n Opfer für meine 30.000 Worte am Tag."  
Er mit piepsiger Stimme: "...eigentlich ganz schön hier..." 
Ich: "Die Zimmer sind nicht von innen abschließbar." 
Er: "Siehst heut besonders hübsch aus." 
Ich: "Aha soso." 
Er: "Bissl mehr Schweigen und perfekt." 

Kennt ihr das Finale von Arielle? Wo die fette lila Meerhexe Ursula vor Wut zum riesigen, grollenden Monster mutiert und alles ringsum platt macht? Ich gebe mich meinen Tagträumen hin und schmunzel diese Frechheit weg... 

 

 

 

26.08.18 

Kaum sinken die Temperaturen, schon wird's vorweihnachtlich bei uns. Naja, zumindest bestanden sie auf das Weihnachtsspecial von der "Sendung mit der Maus". Die Weihnachtslieder konnten sie super mitsingen, wissen nun, wie man perfekte Schneebälle macht, warum Schnee zu Wasser, Wasser aber nicht zu Schnee wird und sind supersauer, weil es noch sooo lange bis zum Winter ist. 

Dann fiel mir ein: "Ich möcht auch so einen coolen Job." 
Nina: "Hä? Welchen Job?"  
Ich: "Nikolaus." 
Hanna: "Warum willst du denn Nikolaus sein? Das geht gar nicht; du bist ja ein Mädchen." 
Ich: "Na und? Es sieht mich doch keiner." 
Hanna: "Das is totaler Blödsinn, Mama." 
Ich: "Nee gar nich. Das Verhältnis Arbeitszeit - Freizeit gefällt mir. 182 Tage vorbereiten und 182 Tage vom Arbeitstress erholen. Und jeder jeder jeder mag mich." 
Paul: "Und wenn de mal keen' Bock hast, schickste n Leiharbeiter." 
Ich: "Jenau. Und erst der fette Nachtschichtzuschlag. Uuuuuh." 
Paul: "Wer bezahlt dich dann eigentlich?" 
Meine Hochstimmung ist entschärft: "Weeß nich. Jibt's da n Betriebsrat? Mit Mindestlohn brauchen se mir nich kommen." 
Paul: "Naja, oft stellen se einem ja Milch und Kekse hin..." 
Ich grübel: "Das wär dann ein fett-machender Nachtschichtzuschlag." 
Paul: "Lass es. Du bist im Sitzen eh besser." 

Später steh ich mit dem Frechdachs am Herd. Es soll Zuccinipfanne geben und er bot sich zum schneiden an. Wir zücken die Bretter und Messer. Naja, ich ein Gemüsemesser, er dieses eine dicke Messer, dass sich in jedem Messer-Set findet und ganz unten in der Besteckschublade verrottet. Er mustert es skeptisch. Ich schäle eine Zwiebel. Er schließt ein Auge um mit einem Blick auf die Klinge den Schärfegrad (whatever) seiner Machete bestimmen zu können. Ich würfel die Zwiebeln und schmeiße sie in die Pfanne. Er kramt nach dem Messerschärfer. Ich würfel die Tomaten, lass sie noch liegen und mach mich an die Gewürze. Er zieht sein Schwert durch dieses Schleifdingens und sein Ego sagt: "Ich Messer scharf gemacht. Ich King Kong." Er dreht sich zu mir, zwinkert selbstsicher, sieht auf mein Brett und ist etwas entmutigt. Ich stütze mich auf eine Hand und beobachte das Schauspiel. Er: "Wie dick solln die Scheiben sein? Oder nur halbieren?" Ich reiße die Augen auf. Ich gucke demonstrativ zu Pfanne und dann wieder zu ihm. Es dauert einen Moment. Oder fünf. Aber ich geb ihm die Zeit. Er: "Ach, würfeln? Willste ne Pfanne machn?" Ich arme tiiief ein und nicke. Er setzt das Messer quer an, als wären seine Hände noch im Scheiben-Modus. Mit einem "Boaaaah" und einem Augenrollen nehme ich das arme Ding von seinem Brett, halbere es längst auf meinem Brett und gebe eine Hälfte zurück: "Guck zu und mach nich so viel Wind." Ich würfel grob und ab in die Pfanne. Er nickt und beginnt exakt gleichgroße Würfel zu produzieren. Wäre das Werkzeug nicht mehr Beil als Messer, könnte man von Schnitzen sprechen. Als er fertig ist, fragt er, ob er jetzt schon die Wiener schneiden soll. Ich: "Nix da. Eier reichen." Er: "Ick bin Fleischfresser, kein Vegetarier." Ich ignoriere: "Reicht aber eigentlich auch so. Bissl Frischkäse dazu und fertig." Er kriegt große Augen und sieht geschockt zu, wie ich die Eier wieder wegstelle und das Nicht-Fleisch raushole. Ich versichere: "Keene Angst - ditt überlebste." Die letzten Handgriffe und fertig. Er steht weiter nur entsetzt rum. Ich frech wie eh und je: "Weeßte, andere sehen beim Rumstehen wenigstens hübsch aus." Das rüttelt ihn wach und ich kann gradeso einem Arschvoll entgehen. Ich pruste vor Lachen: "Nee, bist n Süßer... Nur bissl pummelig..." Er ist kurz davor, mich durchs Haus zu jagen. Ich versuche mit einer neuen Idee zu punkten: "Wir könnten es pürieren." Er kriegt große Augen. Ich ergänze: "Cremesuppe." Er: "Wunderbare Idee." Ich freu mich. Er: "Dann geht es leichter den Abfluss hinunter." 

 

 

 

18.08.18 

Ich bin völlig k.o., aber stolz wie Bolle...  

Gestern zum sechsten Mal den wohl chaotischsten Tag des Jahres überlebt: den Geburtstag meiner Kinder... 

Beim ersten haben wir sozusagen auch gleich die Pullerparty nachgeholt. Dazu fällt bei Frühchen ja nicht wirklich die Zeit und die Muse ab. Paul ging noch arbeiten, besuchte uns so oft und so lange es ging im Krankenhaus und ich "wohnte" die vier Wochen bis zur Entlassung der Kinder in einem sogenannten Mütterzimmer.  

Zum zweiten Geburtstag waren wir mit der engsten Familie im Tierpark, zum dritten eine gemütliche Runde im Garten und zum vierten eine richtig aufwendige Party im Garten mit vielen Kitafreunden der Kinder. Märchenhaft dekorierte Ecke mit einer als Prinzessin verkleideten Bekannten, die vorlaß; Kinderschminken, Goldwaschen, verbuddelte Goldmünzen ausgraben und Fingerfarben, die am Ende eine komplette Picknickdecke und die Hälfte der Kinder bedeckte. Beim fünften Geburtstag waren wir schon entspannter und ließen den Dingen größtenteils ihren Lauf. 

Dieses Jahr waren zehn Kinder eingeladen, von denen "nur" sechs kamen (ja, ich räume eine gewisse Erleichterung ein.). Dank tatkräftiger Unterstützung habe ich selbst "nur" rund sechs Stunden für die Geburtstagstorte gebraucht. Für EINE! Ich hab mich nicht blöd angestellt, aber Fondantdecke und handgemachte Fondantdeko treiben einen schnell in den Wahnsinn. Zum ersten Geburtstag waren es drei verdammte Regenbogentorten, also verdammte 18 bunte Böden, eine verdammt aufwendige Creme und 18 Mal Bangen, ob die nächste Schicht klappt. Die Wespen haben gestern die Mahlzeiten versaut, aber ansonsten war es - auch dank Hüpfburg ein voller Erfolg. Heut noch den Garten (rund 700 qm) von Luftballonresten und Konfetti befreien und dann aufatmen. By the way - solltet ihr mal so leichtsinnig sein und Konfettikanonen im Garten hochgehen lassen - achtet auf den Wind. Die erste Ladung landete nahezu komplett im Nachbargarten. Au backe...  

Tja, aaaber: wir feiern trotz drei Kindern nur EIN Mal im Jahr. Drillinge sind schon ne geile Sache... 

Noch ein Update für "Stammleser": Paul ist seit rund eineinhalb Wochen wieder daheim. Die Transplantation ist an sich sehr gut gelaufen. Bei Stammzelltransplantationen läuft nur eine Konserve mit den Stammzellen des Spender über die Vene hinein und fertig. Die Nebenwirkungen der vielen Medikamente drumrum haben ihm sehr zu schaffen gemacht. Aber jetzt daheim ist ihm außer ständigem Desinfizieren und der pflegeleichten Frisur kaum noch etwas anzumerken. Die Kinder, aber vor allem er selbst genießen sein neues Leben. 

Zwei kritische Jahre gilt es jetzt zu überstehen und sein Risiko, an sämtlichen anderen Krebsarten zu erkranken ist durch die Medikamente viel höher, aber der Alltag ist momentan so relativ unbeschwert, dass wir Kraft tanken können. Und das ist sooo schön! 

In all dieser Zeit war immer mein Schwager an unserer Seite. Er selbst war von der Spende eine Zeit lang mitgenommen und musste auch einige Tage im Krankenhaus verbringen. Er arbeitet im Vier-Schicht-System und verbringt, wenn er nicht gerade schläft, nahezu jede freie Minute mit uns. Für uns fünf ist er unser größter Schatz. Aber Loblieder auf ihn sind euch Lesern ja nichts Neues. Jeder sollte jemanden wie ihn an seiner Seite haben.  

Tja, und so sitze ich trotz meiner psychischen Erkrankung hier und kann sagen:  
Ich bin glücklich! 

Meine fünf Lieblingsmenschen machen mein Leben perfekt. 

 

 

 

13.07.18 

Zickenlehrling und Oberzicke... 

Nicky: "Wenn ich mal Kinder habe, werde ich sie dir nicht ausliefern!" 
Ich: "Wenn ich mit dir durch bin, will ich auch keine anderen Kinder mehr sehen." 

Schön, wenn wir mal einer Meinung sind... 

 

 

 

13.07.18 

Ich sitze am Frühstückstisch und warte. Wir haben diese altmodische, aber wie ich finde sinnvolle Regel: "Wir fangen erst mit dem Essen an, wenn alle sitzen." Und während ich warte (waaaarte), schaue ich den Mädels zu, wie sie sich die Sachen aus dem Schrank suchen, auf dem Sofa zurechtlegen, feststellen, dass es nicht zueinander passt, Neues holen, das Alte nicht wegbringen, sich um die Kleidung streiten, und in mir wächst die Angst vor der Pupertät.  

Die Streberin (eine wechselnde Rolle) stellt sich stolz vor mir auf. Hose in den Socken, das Unterhemd guckt raus, Haarreifen auf halb acht, aber die Farben passen zueinander. Irgendwie. Der Nacktfrosch (ebenfalls eine wechselnde, wenn auch häufig von Nicky besetzte Rolle) kommt um die Ecke, wackelt mit dem Hintern und rennt wieder los. Nummer drei baut sich stolz vor mir auf. Alles passt. Haare schick. Nice. Hanna und Nina setzen sich und suchen sich ihre Kellogs aus. (OMG. Zucker - schäm dich, Mama!) Ich schaue in meine Schüssel. Meine Kellogs sind dank der hohen Luftfeuchtigkeit unseres Sommerwetters zu einem Klumpen zusammengeklebt. Ich schütte noch ein paar lose drauf, dann die Milch, Löffel rein und startklar. Nicky kommt mit der Bürste bewaffnet aus dem Wohnzimmer, stellt sich vor dem Herd auf und benutzt dessen Tür als Spiegel. Eine der wenigen Oberflächen die meiner Nachlässigkeit oder den sechs Händchen noch nicht zum Opfer gefallen sind. Irgendwann ist Rapunzel fertig und gesellt sich zu uns. Schnell stelle ich fest , dass ich aus den Kellogsschachteln eine Mauer zwischen Nicki und Hanna errichten muss. Seitdem ich Nicki erzählt habe, dass sie, als sie Babies waren, ihre Schwestern zum Lachen gebracht hat, fühlt sie sich in der Pflicht, dies bis zu ihrem Lebensende fortzusetzen. Einigermaßen ruhig (wie man das mit drei Fünfjährigen in unerschütterlicher Naivität erwarten kann) bringen wir die Mahlzeit irgendwie hinter uns. Dann frage ich sie, ob sie malen, in ihren Zimmern spielen oder raus wollen. Damit gaukel ich ihn Mitbestimmungsrecht vor, schicke sie aber ohnehin raus. Es kommt kein Wasser von oben, also wird draußen gespielt. Das Jacken und Schuhe aussuchen und anziehen dauert ähnlich lange, wie die übrigen Klamotten. Aber irgendwann haben wir es geschafft und ich trinke meinen Käffchen, während die Kinder hinten im Garten spielen. Schon kommt die Erste und petzt, dass ihre Schwestern Beeren aus Nachbars Garten geklaut hat. Ich weise beide zurecht, weil ich Petzen auf den Tod nicht leiden kann. 

Irgendwann kommt die nächste und fragt, was es zum Mittagessen gibt. 
Ich überlege kurz und antworte: "Ich denke , wir jagen uns eine Kuh."  
Sie guckt mich mit großen Augen an.  
Ich sage: "Ja, mit Lasso und so. Dann kriegt sie eins auf den Kopf, wir schieben ihr einen Spieß in den Po, machen ein großes Feuerchen und drehen Sie den halben Tag lang, bis sie gar ist."  
Hanna meint: "Aber das dauert so lange."  
Ich überlege: "Dann zupfen wir uns während der Kuhjagd vier bis fünf Getreidehalme und backen uns in einem Fingerhut ein Brot."  
Hanna kommt mir langsam auf die Schliche: "Mama, erzählst du wieder Blödsinn?"  
Ich kann da ziemlich ernst bleiben: "Nein. Ich weiß nur noch nicht, wie wir das Getreide nach Hause schleppen. Die Kuh kann ja laufen, aber das Getreide nicht mehr sobald es ausgerupft ist."  
Hanna überlegt mit: "Wir legen es der Kuh auf den Rücken."  
Ich schüttel den Kopf: "Nein, auf dem Rücken der Kuh werde ich reiten."  
Hanna wird unverschämt: "Mama, dafür bist du viel zu dick."  
Ich: "Na, dann reitet ihr auf der Kuh und ich führe sie am Lassoseil nach Hause."  
Hanna ist einverstanden.  
Ich überlege weiter: "Aber was machen wir mit dem Getreide?... Ah, ich weiß! Wir binden einen Kranz drauß und setzen ihn der Kuh auf den Kopf."  
Ich sehe, wie sich Hanna die geschmückte Kuh vorstellt: "Aber Mama, dann sieht die total süß aus und dann können wir sie nicht mehr essen."  
Ich ziehe eine Schnute: "Manno, mein Plan ist wirklich ziemlich doof, wa?"  
Hanna: "Naja, du musst dir mehr Mühe geben."  
Ich mieme einen Geistesblitz: "Und wenn wir sie uns einfach in den Garten stellen, melken und uns Käse ähm kochen?" 
Hanna: "Ich will aber Fleisch." 
Ich: "Na, dann angeln wir uns unterwegs noch drei Hühner." 
Inzwischen hören Nina und Nicky den Spinnereien zu. 
Nicky: "Hallöchen!!! Hühner leben nicht im Wasser. Die kann man nicht angeln." 
Ich: "Und wenn ich vom Getreide drei Körner an die Angel ähm stöpsel?" 
Nina: "Dann reicht es nicht mehr für's Brot." 
Wir überlegen alle. 
Ich: "Und wenn wir sie einfach bitten mitzukommen? Mit Freundlichkeit kommt man immer weiter. Wir können ihnen ja sagen, dass sie uns nur drei Eier legen sollen." 
Nicky: "Das könnte klappen." 
Ich: "So wird's gemacht!" 
Hanna: "Und woher nehmen wir das Lasso?" 
Nina rollt die Augen: "Na von der Wolle von einem Schaf!" 
Wenigstens einer denkt ordentlich mit. 
Nicky: "Aber wo kriegt man ein Schaf?" 
Ich: "Ach, das kaufen wir im Supermarkt." 
Hanna: "Sowas gibt's nicht im Supermarkt." 
Ich: "Doch, im Vollsortimenter." 
Drei fragende Gesichter. 
Ich: "Kommunalpolitik-Schnickschnack... Aber der muss noch gebaut werden... mmh." 
Immernoch drei Fragezeichen. 
Ich: "Nein, wir bauen Hanf an und drehen uns ein Hanfseil für's Lasso." 
Hanna: "Hanf?" 
Ich: "Ja, soll Spaß machen, hab ich gehört." 
Nicky rollt die Augen, winkt ab und brubbelt auf dem Weg zum Garten: "Du erzählst den ganzen Tag nur Blödsinn!" 
Hanna verschränkt die Arme vor der Brust: "Ich will eine Kuh!" 
Nina zickt sie mit meiner Standardantwort auf 'Ich will'-Sätze an: "Und ich will ein Einhorn!" und geht zu Nicky. 
Ich zu Hanna: "Und woher nehmen wir jetzt ein Einhorn?" 
Hanna: "Kann man die überhaupt essen?" 
Ich: "Klar. Aber die Kacke glitzert und man pupst Regenbögen." 
Jetzt durchschaut auch sie mich und schreit mich an: "NICHT WITZIG!!!" 
Dann stampft sie in den Garten. 
Ich nippe an meinem Kaffee, ziehe kurz in Erwägung und einen Bauernhof zu eröffnen. Drei Ziegen, einen grauen Esel und eine dumme Gans hätten wir ja schon... 

Ich sag euch - in meinem Kopfkino läuft immer ein guter Film... 

 

 

 

05.07.18 

... und dann stehen wir uns im keimarmen Zimmer zum Abschied gegenüber - ich mit Kittel und Mundschutz - und stellen fest: kein Drücken, Kussi, Anfassen, etc.. Wir ziehen gleichzeitig ratlos die Schultern hoch. Überlegen. Keine Lösung. Ich: "Naja, nach über 13 Jahren hamm wa ja och jenug jefummelt, wa?". Er lacht. Ich lache. Er zuckt zusammen, weil der Katheder am Hals beim Lachen zwickt. Ich lach noch mehr. Er lacht noch mehr: "Hau endlich ab." Ich lach immernoch: "Weichei." Er lacht immernoch: "Ich liebe dich." Ich: "Ich liebe dich."...  

Raus aus Zimmer und Kittel. In den Flur. Tief durchatmen. Stark sein...  
Ablenkung beim Fahren...  
Daheim. Kinder noch in der Kita. Zeit zum Loslassen...  

Es is nicht leicht. Aber hey, solange Lachen und zum Lachen bringen noch geht... 

Ich pack das!!! 

 

 

 

 

01.07.2018 
01:00 Uhr 

Mitten in der Nacht. 

Aus dem Kinderzimmer höre ich noch Benjamin Blümchen mit Herrn Tierlieb schwatzen.  
Unser Kater liegt neben mir auf der Bank. Und ich rauche (Asche auf mein Haupt, ich hab's noch immer nicht dauerhaft gepackt) noch eine bevor es ins Bett gehe und diese Zeilen schreibe. 

Neben mir - ich bin in den letzten Jahren zur Künstlerin geworden - steht mein heute fertiggestelltes Bild mit dem Titel "Leben" und regt mich zum Nachdenken, zum Sinnieren an... 

Noch drei Tage gemeinsam und dann wird es ernst. Am Mittwoch geht mein Mann für viele Wochen ins Krankenhaus. Und ca. am 10.07. ist die Stammzelltransplantation. Sein Bruder ist sein Spender.  

Oh, diese beiden Brüder. Selten sieht man zwei so tief verbundene Menschen. Da braucht es kein Wort. Wenn mein Schwager da ist, ist mein Mann vollständig. Unsere Kinder und ich sind sein Leben, seine Lieben, sein Ein und Alles. Und sein Bruder ist seine Sonne. Wenn er bei ihm ist, wirkt er gelöster, weniger angespannt, stärker und vor allem vollständig. Als würden 99 % zu 100 % werden. Und nun rettet er ihm das Leben... 

Die harten Fakten... Die Heilungschancen stehen bei 30 %. Das ist mehr als wir zu träumen wagten. Die Sterberate liegt bei 20 %. Das macht Angst. Sehr viel Angst. Aber 20 ist kleiner als 30. Und 20 ist kleiner als 50. Und nicht zu vergessen; 20 ist kleiner als 80...  

Oh diese verdammten Zahlen... 

Seit dem erneuten Ausbruch der Krankheit im Januar, dem wochenlangen Warten auf den Therapiestart, während der Krankheitsverlauf beobachtet wurde, hat Paul nun 3 Chemozyklen hinter sich. Je 3 Wochen Chemo plus 1 Woche Pause. Wieder Medikamente mit schlimmsten möglichen Nebenwirkungen (und ja, damit meine ich tatsächlich Tumore). Neun stationäre Tage waren zwischendurch nötig. Nun startet zum kommenden Wochenende die Hochdosischemo, die "alles platt macht". 

Und dann beginnt das Leben wieder neu... 

Was uns die kommenden Tage, Wochen, Monate bringen, weiß ich nicht. Meine eigene Krankheit bringt mich dazu, pessimistisch zu sein. Ja sogar Schwarzmalerei. Mit dem Schlimmstmöglichen setze ich mich mehr auseinander als mit dem Bestmöglichen. Weit mehr. Will ich gewappnet sein? Will ich nicht überrascht werden können? Will ich mich vor falscher Hoffnung schützen? Ich weiß es nicht. Und ich bin mein Denken über mein Denken so leid. Nie steht mein Kopf still. Alle möglichen Szenarien werden durchdacht. Alles hat bereits tausendundein Mal stattgefunden in meiner Vorstellung. Ich denke daran. Ich sehe es, wenn ich die Augen schließe. Ich träume davon. Ich rede davon. Tod. Immer präsent... 

Und dennoch male ich "Leben"... 

Kürzlich sagte man mir, ich würde alles überstehen und daran stärker werden. In einer Situation und einem Kontext, indem es tatsächlich mal bis in mein Innerstes durchgedrungen ist. 

Und wenn ich mit viel Mühe den Gedankenmüll wegschiebe, sehe ich: 

Mich. 
Danach. 
Aufrecht und stolz. 
Kraftvoll und taff. 

Und nun lehne ich mich weit aus dem Fenster und sage: 

Ich BIN aufrecht. 
Ich BIN stolz. 
Ich BIN kraftvoll. 
Ich BIN taff. 

Nicht erst danach. 

Jetzt! 

Ich habe Kraft! Genug Kraft! 

Ich bin stark! 
Für meine drei. 
Für meinen Einen. 
Für mich! 

Für mein Leben. 

 

 

 

08.06.2018 
Morgens beim Aufbruch zur Kita... 

Ich: "Hopp hopp Mädels; sagt dem alten dicken Mann 'Tschüß' und los geht's." 
Paul rollt die Augen. 
Nina wütend: "Papa is nich alt!" 
Ich: "Nee stimmt, sooo alt issa noch nich." 
Nina scheint zufrieden. 
Paul nich. 
Paul: "Nina, bin ich etwa dick?" 
Nicky, mein Klon(-krieger): "Manno Papa, guck doch mal deinen Bauch an." 
Paul beguckt sich die Nordhalbkugel; südlich des Schnitzeläquators ist totes Land. Also optisch. Also aus seiner Perspektive. Ich verzettel mich. Wo waren wir? Ach ja. 
Hanna: "Papa is gar kein Mann..." (ich horche auf) "Papa is auch nur ein Junge." 
Paul zu mir: "Lass es, Weib!" 
Ach ja; die kindliche Fantasie eines Jungen; als könnte ich die Fresse halten. 
Ich: "Jut Mädels, sagt dem kleinen Jungen gefangen im Körper eines fast alten, dicken Mannes 'tschüß' und los geht's." 
Kein Widerspruch. 
Alles erledigt. 
Nicky zu mir: "Komm Weib!" 

 

 

 

02.06.18 
Update 

Zur Salzsäule erstarrt sitze ich im Wohnzimmer und beobachte, wie Nicky (!!!) aufräumt. Unaufgefordert. Nicky (!!!) 

Irgendwas war gestern im Regen. Austauschstoffe... 

Sie räumt immernoch auf. 

Sie sucht förmlich danach. 

Ich habe Angst.😕 

 

 

 

02.06.18 
12 Uhr 
Hanna fix und fertig: "Mama, Mittagsschlaf.." 
Paul und ich kriegen Augen groß wie Tischtennisbälle vor Staunen. Dieses "Satz" haben wir noch nie gehört. 

19:30 
Hanna fix und fertig: "Mama, schlafen gehen..." 
Tennisballaugen.  

Was kommt als nächstes?  
2 Uhr - "Mama, putzmunter..."? 

 

 

 

15.05.18 
Wiedermal am Abendbrottisch... 

Vier Weiber (die Mädels zusammen mit mir als Vorbild-Plappermaul) geben alles um vom Tag zu berichten:  
"Bla bla bla" -  
"Nak nak nak" -  
"Gacker gacker gacker" -  
"Bli bla blubb" 
Paul zaghaft lauter werdend: "Hallo... Haaallo... Mädels... leiser bitte... Haaaaaalloooo... Leiiiser... Bitte Ruhe... Ruuuuheee" 
Keinerlei Wirkung. 
Weiterhin herrscht eine Lautstärke wie im Hühnerstall wenn der Fuchs kommt. 
Ich lehne mich im Stuhl zurück, richte mich respekteinflussvortäuschend auf und sage entschieden, aber in normaler Lautstärke: "So Mädels..." 
Alle still. 
Pauls Blick fragt mich: 'Echt jetzt?' 
Ich geb mich unbeeindruckt und sage weiter: "... wir haben hier unter uns..." (Künstlerpause mit Blick in die Runde) "...eine männliche Respektsperson, die ernst genommen werden möchte..." 
Und Nina schreit als würde sie ein Rätsel geknackt haben, den Buzzer drücken und die Antwort rausposaunen: "MAMAAAA" 

1:0 

Aber an wen der Punkt ging, lässt sich verdammt schwer abschätzen... 

 

 

 

10.05.18 
Hanna: "Mama, regnet es?" 
Ich: "Naja, kommt Wasser von oben?" 
Hanna: "Ja." 
Ich: "Dann regnet's wohl." 

Ach wenn doch alle Fragen so leicht zu beantworten wären🤣 

 

 

 

18.04.18 
Wahrer Unsinn 

Nina: "Mama, sind wir aus Essen gemacht?" 
Ich: "Hä?" 
Nina: "Na in deinem Bauch." 
Ich: "Nein. Durch das Essen seid ihr nur gewachsen, aber ihr seid nicht aus Essen gemacht." 
Nina: "Wie denn dann?" 
Ich überlege. Wie lässt sich DAS Thema möglichst ehrlich umschiffen? Der kleine Klugscheißer in meinem Kopf buddelt in den Bio-Unterricht-Fragmenten, findet etwas, streckt den Arm steil nach oben wie ein Streber und schnipst mit dem Finger. Ich höre mir seinen Vorschlag an und übernehme ihn in meiner Verzweiflung. Stolz und voller Überzeugung verkünde ich: "Mitose!!!" 
Paul klappt der Unterkiefer runter. 
Nina fasst es in Worte: "Hä?" 
Ich: "Zellteilung." 
Paul schließt um Fassung ringend die Augen. 
Nina wittert die Ausflucht: "MAMAAAAA. Wie sind wir in deinen Bauch gekommen?" 
Paul startet einen Versuch, das Thema zu beenden: "Das erzählen wir euch später mal." 
Hanna: "Nach dem Abendbrot?" 
Paul: "Ähm nein, viel später." 
Nicky: "Morgen?" 
Paul: "Nein, wenn ihr groß seid." 
Und wie auf Komando fangen alle an zu maulen.  
Da meldet sich der kleine Klugscheißer in meinem Kopf wieder und flüstert mir zu: "Sie haben nicht gefragt, wo die Babies herkommen. Sie fragten, wie SIE in Mamas Bauch kamen."  
Ich reiße die Augen weit auf und ertappe mich, wie ich tatsächlich den Arm hochstrecke, schnipse und verkünde: "Ich weiß es!!!" 
Alles schweigt.  
Paul sieht etwas skeptisch aus. Offenbar befürchtet er den nächsten Blödsinn - völlig ungerechtfertigt.  
Ich: "Der Doktor hat euch in Mamas Bauch ähm gelegt." 
Ich recke meine Hände mit dankbarem Blick nach oben (auch wenn ich alles andere als religiös bin) und denke 'Unbefleckte Empfängnis - strrrrrike!!!'. 
Alles schweigt. 
Ich bekräftige meinen wahren Unsinn: "Wirklich! Ein Doktor hat euch rein getan, dann hab ich euch mit Essen beworfen, ihr seid gewachsen und ein anderer Doktor hat euch wieder raus geholt." 
Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. 
Nicky, die den selben Klugscheißer-Kobold in sich hat, wiegelt alles ab: "Wer lacht, der lügt." 
Ich reiße mich zusammen, verkneife mir das Lachen und wiederhole meine Behauptung. 
Wieder Widerspruch. 
Ich richte mich auf, lege meine rechte Hand auf's Herz, lecke Zeige- und Mittelfinger der linken Hand an und strecke sie vor. Feierlich verkünde ich: "Großes Indianer-Cowboy-Kobold-Ehrenwort: Der Doktor hat euch in meinen Bauch gelegt!" 
Ich mache stolz wie Bolle ein Gesicht, dass mit dem der Grinsekatze konkurrieren kann. Doch (oder gerade deswegen) das Publikum scheint an meinem Geisteszustand zu zweifeln. 
Hanna fragt genervt: "Und woher hat der Doktor uns genommen?" 
Ich schließe die Augen, atme tief ein und wieder aus. Kalle Klugscheißer schreit mich an: 'Gib den Ball ab. Gib ab! GIB AB!!!'  
Ich gebe Kalle recht: "Der Doktor hat euch von Papa bekommen." und zu Paul: "DU bist dran." 
Paul holt tief Luft, während ihn aus drei Ecken Fragen um die Ohren fliegen.  
Kalle Klugscheißer aber kann die Klappe nicht halten. 
Und ich schon gar nicht: "Papa hat euch in einem Raum beim Doktor gefunden."  
Paul reißt die Augen auf, fletscht die Zähne und lässt dann aber verzweifelt und seufzend den Kopf hängen. 
Ich kann mich mittlerweile kaum noch halten vor Lachen. Und auch die Mädels gackern mit mir. 
Und Kalle Klugscheißer, der sich vor Lachen am Boden meines Hirns kugelt und sich den Bauch hält, setzt zum finalen Streich an. 
Mit aller Kraft reiße ich mich zusammen und sage: "Papa hat euch..." theatralische Pause "...ERSCHAFFEN..." 
Paul verschränkt die Arme vor sich auf dem Tisch, legt den Kopf drauf, ergibt sich in sein Schicksal und beginnt zu beben vor Lachen.  
Gegen Kalle und mich hat er keine Chance. 
Ich versetze ihm den letzten Schlag: "... sozusagen aus dem Ärmel geschüttelt..." 

 

 

 

13.04.18 

Vor ungefähr zwei Jahren ging ich mit meiner Depression "an die Öffentlichkeit". In dem Post "Mein Seelenstriptease" berichtete ich von der Wahrheit hinter einer Krankheit, die im Volksmund "Einbildung" genannt wird. 
Hier nun die Fortsetzung: 

Mein Seelenstrip - Teil 2 

Ich bin mittlerweile 35 Jahre alt und... ich bin mittlerweile Rentnerin. 
Befristet! 
Hoffentlich... 

Zwei Mal versuchte ich wieder arbeiten zu gehen. Beide Male scheiterte ich. Mein Arbeitsplatz wartet auf mich. Ich kann zurückkehren. Ich will zurückkehren. Und ich werde zurückkehren - aber wann?... 

Im Sommer 2016, der Sommer, der von den Chemos meines Mannes beherrscht wurde, fing ich an, mich zu verletzen. Mich selbst. Bewusst. Genießend. Bestrafend...  

Im Sommer 2017 bekam ich die Diagnose: Borderline Persönlichkeitsstörung. Im Winter 2017 dann das ganze Ausmaß: Ich bin schon immer Borderliner gewesen. Unbemerkt... 

Aber von vorne... 

Was ist ein "Borderliner"? 

Die zynische, oberflächliche Antwort: Das sind die, die sich die Arme aufritzen.  
Oder die aburteilende Antwort: Das sind die, die sich aufschneiden um Aufmerksamkeit zu bekommen. 
Aber die korrekte Antwort - die braucht etwas mehr als einen herzlosen Satz. Ich will einen kleinen Erklärungsversuch wagen... 

Ich bin Borderliner.  
"Border" = Grenze. "Borderline" = Grenzlinie.  
Ich bin Grenzgänger.  
Ich lebe in schwarz und in weiss. 
Ich hasse oder liebe. 
Ich weine oder lache. 
Ich kann alles oder nichts. 

Aber was dazwischen liegt, ist mir fremd. 
Ich kenne nur die Grenzen. Meine Gefühlswelt kennt nur Extreme. 

Borderliner erleben extrem. Ich nehme Situationen viel intensiver wahr als Andere. Ich reagiere viel intensiver. Das ist ein Tanz auf dem Vulkan. Schon immer. Schon 35 Jahre... 

Wohin mit all den Emotionen und Gedanken? Wie machen das Andere? 

Ich war mir meiner Krankheit, meiner psychischen Defizite nicht bewusst. Was ich fühlte, musste also normal sein. Das mussten in meinen Augen auch alle anderen fühlen und wenn SIE damit so gut zurechtkommen, muss ICH das doch auch können? Also begann ich zu kopieren, nachzuahmen.  
Wie reagiert man auf Besuch? Man freut sich.  
Wie reagiert man auf einen Witz? Man lacht. 
Wie reagiert man auf Musik? Man tanzt und singt. 

Ich und meine Reaktionen und mein Verhalten; wir wurden eine sehr gute Kopie. Kaum zu unterscheiden von all den vermeintlichen Originalen.  

Und so vergaß, oder besser, lernte ich nie, wie ich bin, was ich wollte oder dass sich diese Fragen überhaupt stellen könnten. 

Mittlerweile bin ich 2 Jahre in Therapie und kenne mich etwas besser. Wie also reagiere ICH auf Besuch, Witze und Musik? Wie reagiere ICH auf Belastungen, Emotionen und Alltagssituationen? 

An dieser Stelle ist es Zeit für einen kleinen Ausflug in meinen Alltag - in meinen Schuhen - um den Facettenreichtum dieser Krankheit ein wenig kennenlernen zu können: 

Um kurz vor sieben klingelt mein Wecker. Endlich. Ich habe dank Psychopharmaka sieben Stunden durchgeschlafen. Das heißt, sieben Stunden ununterbrochen Alpträume. Hätte ich einen leichteren Schlaf, würde ich vom Sterben aufwachen, mich bei meinem Mann ausweinen und in seinen Armen weiterschlafen. So aber sterbe ich im Traum. Immer wieder. Zunächst aber fliehe ich. Es ist Krieg und ich muss meine Kinder retten. Feinde verfolgen mich. Sie kriegen mich. Sie verätzen mich. Häuten mich. Trennen Körperteile ab. Erstechen, erschießen, ertränken mich. Ich sterbe. Und dann fliehe ich wieder. Immernoch Krieg. Immernoch Angst. Immernoch kein Wecker...  

Solche sieben Stunden liegen hinter mir, als ich in meinen Tag starte. Es hängt mir noch Stunden nach. Schwächt meine Konzentration. Bremst mich dann, wenn ich Gas geben muss. Wenn meine Kinder mich brauchen... 

Später sind die Kinder in der Kita und ich fahre mit meiner Mutter einkaufen. Ich fahre gern Auto. Aber einkaufen hasse ich. Ich kann mit den vielen Reizen nicht umgehen. Gerüche sind intensiver. Geräusche hallen nach. Eindrücke verstärken sich. Ich versuche mich auf meinen Zettel und meinen Wagen zu konzentrieren. Heute traue ich mich in den Supermarkt und sogar mit eigenem Wagen. Viele Monate wartete ich im Auto. Oft ging ich nur nebenher. Bereit zur Flucht. Heute aber tapfer. 

Ich und der Wagen, der mir wie ein Schutzschild ist, betreten den Supermarkt. Sofort habe ich das Gefühl, als würden mich alle ansehen und bewerten. Ich versuche souverän zu sein. Oder zumindest zu wirken. Nehme Kaffee, Filtertüten, Orangensaft und Schokohörnchen. Es ist mir peinlich, denn ich bin dick und mir geht durch den Kopf, was die Leute denken könnten, wenn ich ein Nicht-Gemüse oder ein Nicht-light in meinen Wagen lege. Dabei ist es nicht für mich, sondern für die Kinder. Schon kommen neue Zweifel in mir hoch. Eine gute Mutter kauft sowas nicht für ihre Kinder. Das ist ungesund. Ich sollte mich schämen. Aber das muss ich vertagen. Noch vier Regalreihen vor mir. Ich halte am Fischregal und überlege. Jemand schiebt meinen Wagen beiseite um ins Regal zu greifen. Es verunsichert mich. Sollte ich mich entschuldigen? Hätte er nicht einfach fragen können?... Ich schaffe zwei weitere Reihen. Ich mache einer Verkäuferin mit Palette Platz. Ich lächel. Das macht man so. Beides. Ich bin ein gutes Mädchen. Schön massentauglich... Noch eine Regalreihe. Der Typ vom Fischregal kreuzt meinen Weg. Ist er noch sauer wegen meinem Wagen? Bin ich sauer? Sollte ich? Sollte er? Gibt es einen Supermarkt-Knigge?... Ich gehe zur Kasse. Wie beim Betreten des Supermarkts fühle ich mich beobachtet. Und bewertet. Was ich auf's Band lege. Wie ich es auf's Band lege. Wieviel ich auf's Band lege. Wie lange das Bezahlen dauert. Freundlich sein. Nicht zu unterwürfig. Nicht zu distanziert. Mittelweg... Endlich raus... 

Dann Zahnarzt. Erstes Obergeschoss. Es gibt einen Fahrstuhl. Aber jemand ist im Treppenhaus und würde er mich im Fahrstuhl sehen, obwohl es nur eine Treppe ist, würde ich mich schämen. Also laufe ich. Schnell tun mir die Beine weh. Nach sechs/ sieben Stufen. Mein Übergewicht. 

Wie ich heute weiß, war Essen gut 20 Jahre lang mein Mittel der Selbstverletzung. Nicht dass ich das Essverhalten und die Folgen übersehen hätte, aber den Sinn dahinter kenne ich erst seit einem halben Jahr.  

Mein Körper ist nur die Hülle meines Geistes, meiner Kreativität und meines Verstandes. Von Letzterem halte ich tatsächlich meist viel und ich hasse es, wenn er nicht hundertprozentig funktioniert. Deshalb trinke ich nie Alkohol. Es benebelt und mindert. Deshalb hasse ich es auch, wenn ich vor Anspannung stottere oder den Faden verliere. Es macht das schöne Funktionieren kaputt. Das habe ich doch so gut kopiert... 

Die Hülle dieser Daseinsberechtigung jedoch ist nur Mittel zum Zweck. Mein Körper muss atmen. Muss gehen. Muss die Hände und Arme bewegen. Muss schreiben. Muss malen. Muss umarmen. Aber Beachtung hat er nicht verdient. Ich befülle, benutze und putze ihn. Wie ein Auto. Und wenn mir danach ist, fühle ich durch ihn Schmerz. Denn Schmerz fühlen heißt, überhaupt etwas fühlen.  

Da sind wir wieder bei den Extremen. Ich fühle alles gleichzeitig oder nichts. Und "Nichts" ist unerträglich. "Nichts" oder "Schmerz"? Lieber Schmerz. 

Ich saß vor wenigen Wochen mit meinem Mann beim Aufklärungsgespräch zur Fremdstammzellspende. Ein zweistündiges Gespräch mit (eher Vortrag von)einer Ärztin. Mein Verstand funktionierte brav. Ich verstand, was sie erklärte. Aber die Emotionen kamen dazu. Viele. Vielfältig. Intensiv. Sie drohten das Funktionieren zu unterbrechen. Also verdrängte ich sie. Was blieb, war Leere. Die zweite Stunde des Gesprächs fühlte ich nur noch Sehnsucht. Ich sehnte mich danach, mit der Stirn aus wenigen Zentimeter Abstand immer wieder gegen eine Wand zu schlagen. Schmerz. Blut. Erfüllung. Ja, ich nenne es Sehnsucht. Denn so intensiv und so positiv assoziiert ist dieses Gefühl.... 

Vom Zahnarzt wieder nach Hause. 

Und jetzt tue ich das, wofür ich mich gegenüber jedem gesunden und arbeitendem Menschen am meisten schäme: ich lege mich hin. Mitten am Tag. Wie faul. Ich habe sogar überlegt, ob ich das hier schreibe, so sehr verachte ich mich dafür. Während so gut wie jeder andere arbeitet liege ich im Bett und schlafe. Weil mein Alltag für mich (!) anstrengend ist. Weil ich hoffe, ohne Alpträume zu schlafen. Weil das tagsüber auch meist gelingt. Oft schlafe ich auf dem Schoß meines Mannes, damit er vielleicht merkt, wenn ich einen Alptraum habe und lieber geweckt werden würde. 

Als Borderliner reagiert man bei Reizüberflutung manchmal mit sogenannten Dissoziationen. Kurz gesagt - Körper und Geist trennen sich. Das ist nichts Übernatürliches. Es heißt, der Geist verliert die Kontrolle über den Körper. Das geht von kleinen unbemerkten Zuckungen, über Sehverlust bis hin zur Lähmung. Bei mir beeinträchtigt es Hören und Sprechen. Meist nur Sekunden. Aber das erschöpft immens. Der Körper hat manchmal tagelang an einem Aussetzer zu kämpfen. Und das, obwohl sie meist unbemerkt bleiben. Daher rührt der manchmal hohe Schlafbedarf. 

Das war einer meiner Vormittage.  
Das waren wenige Stunden. 
Das waren wenige Symptome. 

Erst am Nachmittag geht der Familienalltag los. Dann wird meine Kraft voll gebraucht. Die Kinder brauchen eine starke Mama. Brauchen Lachen. Brauchen Unbeschwertheit. 

Sie bekommen so viel Echtheit wie ich nur geben kann. Manchmal aber, wenn es zuviel wird, bin ich dankbar, dass ich so gut kopieren kann... 

Ich bin Borderliner. 
Ich bin in Therapie.  
Ich kämpfe. 
Jeden Tag. Jede Stunde. 
Ich kämpfe mich ins Leben zurück. 

In MEIN Leben. 

 

 

 

02.04.2018 
Momentan gibt's zwei Lieblingsbeschäftigungen für unsere Mädels: Fahrradfahren im Garten und Verkleiden und Prinzessin spielen im ganzen Haus. 

Fahrrad sind sie heut schon stundenlang gefahren. Also flaniert Prinzessin Nicky mal wieder im Rapunzelkleid durch ihre Residenz. Sie verneigt sich vor imaginären Königen und lässt sich kichernd die Hand von ebenso realen Prinzen küssen.  

Irgendwann fragt sie: "Mama, bist du hier die Königin?" 
Ich: "Nein. Hier gibt's keine Königin." 
Prinzesschen: "Dann bist du nur die Mama?" 
Ich räuspere mich: "Ähm, ja," und brubbel vor mich hin: "Besser als 'Nicht-die-Mama' und dann eins mit der Bratpfanne aufn Kopf zu kriegen." 
Prinzesschen ignoriert, denkt nach, zieht die Stirn in Falten und fragt dann: "Wem gehört denn unser Haus?" 
Ich: "Mir." 
Prinzesschen geht ein Licht auf. Aufgeregt erklärt sie: "Doch doch, Mama, dann bist du die Königin!" 
Ich werd nachdenklich: "Interessantes Konzept. Erzähl mir mehr davon." 
Nicky wendet sich aber Paul zu: "Papa, und was gehört dir?" 
Papa zieht leicht verzweifelt die Augenbrauen hoch. Er schaut an sich runter und dann hilflos zu Nicky: "Nur ditt, watte siehst." Er überlegt kurz: "Naja, n paar Schuhe und ne Jacke...", und als würde ihm ein Licht aufgehen: "ne Playstation hab ich." 
Prinzesschen zieht die Oberlippe schief und eine Augenbraue hoch. Sie überlegt nicht lange und degradiert Papa: "Ok, du bist Mamas Diener. Und weil ich die Prinzessin bin, musst du auch mein Diener sein." 

Mmh, Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund. Na ich geh mal mein Krönchen richten und schwinge dann hier das Zepter; in meinem Königreich. *größenwahnsinniglach* 

 

 

 

02.02.18 

Nicky: "Wenn Papa nicht da ist, bin ich ganz traurig. Aber im Herzen sind wir immer alle zusammen. Meine Schwestern und Papa und du. Wir sind für immer eine Familie." 

Und warum diese tiefsinnigen Worte? Richtig - der Krebs bestimmt wieder unseren Alltag.  

15 Monate hat die letzte Stammzelltransplantation gehalten. Nun steuern wir mit großen Schritten auf die nächste zu. Pauls Immunsystem macht schon schlapp. Seit heut wieder in der Klinik.  

14 Tage hatten wir zusammen. Vorher war ich knapp 8 Wochen zur Reha. 

Doch nicht "nur" ne Depression. Borderliner. Und das ist so viel mehr als das allseitsbekannte Ritzen und blieb deshalb Jahrzehnte unerkannt. 

Leute Leute; nehmt eure Psyche ernst. Haltet auch mal inne. Genießt. Lacht. Träumt. Lasst eure Träume wahr werden. Und vorallem: Lebt EUER Leben - nicht wie andere euch haben wollen, sondern wie ihr glücklich seid. 

Die Zeit ist so knapp... 

 

 

 

15.01.2018 

Ich hatte grade Kunsttherapie und es war atemberaubend... 

Ich sollte mir Ton nehmen. Ein kleines Stück zunächst und immer mehr hinzufügen und zu einer Kugel formen, bis es die rechte Größe für mich hat. Es sollte leicht und gut in der Hand liegen und nicht sperren, wenn ich die andere Hand darauf lege (sodass die Hände zusammen eine Kugel drumrum formen). 

Das war das, was ich mir zutraue. Das Maß, mit dem ich klarkomme und mich wohlfühle.  

In diese Kugel sollte ich nach und nach ein Loch machen. Nichts wegnehmen. Nur dehnen und dabei darauf achten, dass nichts rissig wird bzw die Risse schließen.  

In diese ausgehöhlte Kugel sollte ich kleine Tonstücke legen, die ich formen konnte, wie ich wollte. Sie sollten symbolisieren, was mir wichtig ist. Ich habe drei gleichgroße Tonstücke genommen. Ich hab sie so zu kleinen Platten geformt, dass sie sich von innen an die Kugel lehnen. Mehr hab ich an ihnen nicht geformt. Dann habe ich sechs kleine Kügelchen dazugelegt. Jede für eine Erinnerung: 

  1. Der Moment als ich am 15.12.04 spät abends mit Paul vor meinem Tor stand und wir Nummern ausgetauscht haben.
    2. Unser Kuss nach dem Ja-Wort
    3. Der Moment als ich zum ersten Mal seine Stimme hörte nach der Geburt im Bett in der Neonatologie: "Ich will zuerst zu meiner Frau." 
    4. Der Moment als wir beim Zubettbringen der Kinder für sie tanzen und uns küssen sollten. 
    5. Das gemeinsame Abholen der Kinder aus der Kita; wenn wir das Kita-Tor hinter uns schließen und gemeinsam nach Hause fahren. 
    6. Paul und ich Arm in Arm weinend im Krankenhauszimmer am 11.5.16 mit dem kleinen Zettelchen mit der Diagnose darauf neben uns. 

Dann weinte ich. Ich sagte: "Warum lege ich meinen Mann nicht auch mit in die Kugel? Ich kann es nicht. Es würde zu sehr weh tun, weil ich ihn doch verlieren werde."  

Ich sollte dann entscheiden, ob ich die Tonkugel schließen will. Ich dachte lange nach und entschied mich dagegen. "Ich möchte sie brennen lassen und mitnehmen. Ich und meine Kinder und diese 6 Erinnerungen, die immer ein Teil von mir sein werden und die ich alle 6, auch die letzte, als Teil von mir empfinde. Die Kugel bleibt offen, damit neue Erinnerungen dazukommen können."  

Dann bat ich, der Kugel noch etwas hinzufügen zu dürfen. Ich nahm etwas Ton und machte ein flaches Stück daraus. Das legte ich unter die Kugel und drückte es an, so dass sich die Kugel hineinschmiegt, aber auch rausgehoben werden kann. Dieses letzte Stück ist die Basis dieser Kugel.  

Und diese Basis ist mein Mann. 

Die Basis meines Lebens, meiner Familie, meiner Erinnerungen, meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart und meiner Zukunft... 

Es ist nicht wichtig, dass die Zeit ein Ende haben wird, denn die Verbundenheit ist endlos. 

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