Archiv 2019

10.12.19 

Paul ist routinemäßig im Krankenhaus, also glüht abends der Handyakku: er ist per Videotelefonie bei allem dabei. Beim Abendessen steht das Ding mitten auf dem Tisch - irgendeine Konstruktion wird immer drunter gebastelt; heute ist es der Adventskranz. Nach dem Schmatzen und Berichten vom Tag geht's nach und nach ins Bad; eine putzt die Zähne, eine duscht, die Dritte hat das Handy/Papa für sich. Dann Wechsel. Danach geht's ins Bett.  

Wieder wird Paul irgendwo drapiert, so dass ihn alle drei sehen können. Ich mach's mir auf einem Hocker vor den Betten "gemütlich", schlage das Buch auf und starte. Die Kids in ihren Bett und Paul im Krankenhausbett lauschen. Das erste Kapitel lese ich aufgeweckt und emotionsgeladen vor und stelle immer wieder Fragen zur Geschichte, sodass ich sie schnell voll in meinem Bann habe. Das zweite Kapitel lese ich normal vor und beim dritten werde ich viel leiser, fast flüsternd. Die Stimme wird monotoner, ich spreche langsamer und mache kleine Pausen. Und dann ZACK knallt es neben mir im Handy: Paul ist eingeschlafen und sein Handy ist ihm aus der Hand gerutscht. Auch bei Hanna und Nicky ist schon alles ruhig. Nina hebt das Köpfchen: "Du bist ja noch da. Willst du nicht eigentlich lieber runter gehen?" Ich: "Nein, mein Liebling. Ich möchte nirgendwo anders sein. Ich habe euch bei mir und Papa am Handy; wo sollte ich hinwollen, wenn ihr doch alle bei mir seid?" Sie grinst verschlafen und legt das Köpfchen wieder auf ihr Kuschelkissen. 

Ich winke Paul - ja, er ist vom Knall auch wach geworden - zu, lege auf und bleibe einfach noch ein wenig im Dunkeln sitzen. Um mich herum nur leises, gleichmäßiges Atmen. Es fühlt sich an wie innerer Frieden. 

Ich muss nichts.  
Ich will nichts. 

Ich habe alles.  
Ich bin alles. 

Ich bin Traumwächter. 
Ich bin ihr Fels. 
Ich bin ihre Sicherheit. 

Ich bin ihre Welt. 
Und sie sind meine Welt. 

Meine laute, zickige, grummelnde, bockige, müde, genervte, aber bunte, fantasievolle, fröhliche, sonnige, liebe-volle Welt. 

Das alles bin ich.  
Das alles sind sie. 

Ich liebe sie - meine kleinen Schlafschafe... 

 

 

05.12.19 

Mini-Me: "Mama, Frauen dürfen auch Frauen heiraten, stimmt's?" 
Ich: "Genau." 
Mini-Me: "Und wie entscheiden die, wer das Kleid trägt?" 
Ich: "Na, sie können doch auch beide ein Kleid tragen." 
Mini-Me entsetzt. 
Ich weiter: "Und guck mal; was ist das beste an einer Hochzeit? - das Kleid." 
Sie nickt energisch 
Ich: "Wenn es also den Typen im Anzug eh nicht gibt, sondern zwei Bräute, kann es doch auch zwei Kleider geben." 
Sie grinst über beide Ohren: "Das ist zwei Mal so cool..." 
Sie überlegt: "Wenn Tante Evi den Onkel Nico heiratet, is ja aber nur eine Braut. Kann die nicht auch eine Frau heiraten? Das fänd ich viiiel schöner." 
Ich: "Ich werde es ihr vorschlagen. Vielleicht macht sie das ja extra für dich." 
Sie überlegt weiter: "Oder Onkel Nico zieht ein Kleid an." 
Ich hole Luft, komme aber nicht weit, denn sie is voll in Fahrt: "Nein, das geht nicht, der hat ja keine Brust. Da rutscht das Kleid runter." 
Ich beeile mich: "Gibt auch welche mit Trägern." 
Sie wägt ab: "Könnte gehen... Er hat aber keine langen Haare. Wie macht man dann den Schleier fest?" 
Ich: "Das ist ein Problem." 
Wir grübeln. 
Sie: "Er setzt ne Krone auf und da klemmen wir den drunter." 
Ich: "Is das nich n bissl overdressed mit Krone?" 
Sie: "Hä? 
Ich: "Na ein Junge im Kleid is ja schon komisch genug - ne Krone wäre zu viel." 
Sie: "Dann kann sie den nich heiraten." 
Ich: "Naja, da wird sich nix machen lassen. Die lieben sich ja." 
Sie nachdenklich: "Ärgerlich." 
Ich: "Och eigentlich sind die doch ganz putzig zusammen, findest du nich?" 
Sie: "Das is ja egal. Wenn er keine Krone aufsetzt, kann sie den nich heiraten." 
Ich: "Und wenn SIE zwei Kleider trägt?" 
Sie guckt mich irritiert an. 
Ich: "Na nich übereinander. Eins zum heiraten und eins zum Tanzen." 
Sie strahlt wie ein Weihnachtsbaum und nickt, als würde gleich der Kopf abfallen: "Ja. JA. JAAA. Und sie kann ja zum Essen auch noch ein anderes Kleid anziehen. Dann sind es drei." 
Ich: "Und falls sie sich beim Essen bekleckert, brauch sie noch ein viertes." 
Sie is nich zu bremsen: "Oder sie heiratet nochmal." 
Ich: "Einmal is schon teuer genug." 
Sie is ausgebremst und grummelt: "Scheiß Geld." 
Ich: "'Scheiße' kostet 50 Cent." 
Sie grummelt leiser: "Blödes Geld." 
Ich: "Sehr gut. 'Blöd' is preiswerter. 20 Cent." 
Sie ignoriert. 
Ich: "Weißte, wenn de weniger Schimpfwörter sagen würdest, könnteste schon für dein eigenes Hochzeitskleid sparen." 
Sie zieht skeptisch die Augenbraue hoch: "Wer hat denn dann dein Kleid bezahlt?" 
Ich gucke ein 'Hä?'. 
Sie: "Na du sagst den ganzen Tag böse Wörter." 
Ich: "Wir hatten damals noch keine Fluchkasse. Die is da um EUCH zu erziehen." 
Sie: "Schade, dass du keine hattest." 
Ich schmolle: "So schlimm isses doch gar nich bei mir..." 
Sie: "Wenn du eine gehabt hättest, würdest du nich so viele böse Wörter sagen und ich würde die nicht immer von dir hören und die nich auch sagen und nich immer Geld geben müssen und dann könnte ich bald mein Kleid kaufen." 
Ich nicke langsam. 
Sie nickt langsam. 
Ich: "Tut mir leid." 
Sie: "Gut so..." 
Schweigen... 
Ich: "Biste noch böse?" 
Sie winkt ab: "Is scheißegal, Mama, ich hab ja eh noch keinen zum Heiraten." 
Ich nicke stumm. 
Schweigen. 
Ich: "Geht das jetz klar mit Evi und Nico?" 
Sie: "Jaja, sie darf den heiraten. Die wohnen ja eh schon zusammen, dann können se auch gleich heiraten." 
Ich: "Ja, spart Platz am Briefkasten." 
Sie: "Hä?" 
Ich: "Na da stehen doch die Namen von den beiden dran und wenn die heiraten, heißt Evi so wie Nico und dann muss nur der eine Name..." 
Sie wieder voll auf 180: "Dann heißt die auch Nico? Das is ja voll doof!!!" 
Ich: "Naja, 'Evi' bleibt. Nur der Nachname ändert sich." 
Sie: "Hä? Warum ändert man den?" 
Ich zucke die Schultern: "Sippenzugehörigkeit... Eigentümerwechsel-Erkennungsmerkmal..." 
Sie: "Was?" 
Ich weiter unbeholfen: "Na so wie brandmarken bei Pferden oder an nen Baum strullern wie bei Hunden... Evi gehört dann zu ihm und dann..." 
Sie reißt die Augen entsetzt auf, will schon loslegen, aber ich schreite noch ein: "Bleib cool - so war das nich gemeint. Keiner wird jemanden anpullern und keiner brennt jemandem was auf den Po." 
Sie atmet auf: "Mama, du bist heut wieder echt anstrengend." 
Ich nicke. 
Sie: "Aber is ok..." 
Schweigen. 
Man kann sie grübeln hören: "Mama?" 
Ich: "Mmh?" 
Sie: "Wenn sie dann so wie er heißt, muss der Jim dann 'Papa' zu ihr sagen?" 
Ich: "Nee, denke nich." 
Sie: "Sicher?" 
Ich: "Ganz sicher." 
Sie überlegt weiter: "Sie hat also ganz bestimmt vier Kleider zur Hochzeit?" 
Ich: "Denke nich." 
Sie: "Menno." 
Ich: "Weißte was - ich hab noch mein Hochzeitskleid in einer Kiste aufm Dachboden. Wenn sie echt nur ein einziges Kleid hat, kriegt Nico mein altes, ok?" 
Sie: "Nein, das brauche ich." 
Ich: "Soso." 
Sie: "Weil ich nicht sparen kann." 
Ich: "Logisch." 
Sie: "Scheiß Geld." 
Ich: "Scheiß Kapitalismus." 
Sie: "Was?" 
Ich: "Ein anderes Mal, kleiner Jedi-Ritter." 
Sie kneift die Augen zusammen: "Mama!!!" 
Ich: "Lesehausaufhaben machen du musst." 
Sie: "Jetzt hab ich keine Kraft mehr." 
Ich: "Mmh." 
Sie: "Mama, echt jetz. Du hast immer nur Blödsinn im Kopf. Ganz ganz viel Blödsinn. Und du tust den dann auch in meinen Kopf. Und dann mache ich auch nur noch Blödsinn." 
Ich erkenne Zusammenhänge und das Ausmaß dieses Blödsinns. Tapfer und ehrwürdig spreche ich die Worte: "Dann möge die Macht mit uns sein!" 

 

 

 

17.11.19 

Üben für den ersten Sachunterricht-Test. Es gilt Bäume und ihre Blätter und Früchte zu erkennen. Ich persönlich bin geradeso in der Lage, Nadel- von Laubbäumen zu unterscheiden, aber auch nur an geraden Kalendertagen mit Zauberhut unterm Arm. Werd ich wohl inna Schule gepennt haben. Oder es war mir wurscht. Oder damals gab's noch keine Bäume. Da ich ein ziemlich aufgewecktes und neugieriges Mädchen bin, wird's wohl Lösung drei gewesen sein. 

Wir üben also. Ich hab ein Memory-Spiel gebastelt, Arbeitsblätter erstellt und mich dabei ein bisschen vorbereitet. Und da der Tag nur 24 Stunden hat, lernen sie alle gleichzeitig. Ich spiele Lehrerin, die Rolle der Kids ist klar und Paul spielt Stuhl. Obwohl - er steht nicht, er sitzt. Paul spielt Paul. Die Delinquenten sitzen vor ihren Arbeitsblättern und versuchen sich. Wir haben zwei riesige Kastanienbäume vor der Tür; das bedarf also keiner Erläuterung. Ich erkläre die Linde mit ihren Herz-Blättern (während Paul die Bezeichnung für die Frucht der Linde googelt - bei seiner Unwissenheit würd ich eher auf 'wurscht' tippen; er ist Egal-Profi) und baue zwei Eselsbrücken zwischen den laaangen Kiefernnadeln und dem laaangen Kieferknochen und Ahorn und Nashorn. Verstanden? Ahorn - Ahornnasen - Nashorn. Die Kids haben auch ne Weile gebraucht. Meine Logik is halt nich Mainstream. Aber Unsinn prägt sich ja bekanntlich gut ein, man denke an '333 - bei Issos Keilerei'. Ich gucke fragend zu Paul. Er zuckt die Schultern und liest weiter. Ich versuche ihnen den Unterschied zwischen Buchen- und Birkenblättern zu erklären, vergleiche die Eichenblatt-Ränder mit den Rüschen am Prinzessinnen-Kleid und höre Pauls Augen rollen.  
Ich: "Irgendwie muss sich der Scheiß ja einprägen."  
Nicky: "Du hast 'Scheiße' gesagt. Zehn Liegestütze!"  
Paul: "Wir haben ne Fluch-Kasse. 50 Cent!" 
Tja, stelle ich mich meiner Faulheit oder bekenne ich mich zum Kapitalismus? Richtig: ich ignoriere!  
Ich: "Wie heißt das Linden-Dings denn nun?" 
Paul: "Noch nüscht gefunden."  
Ich rolle die Augen.  
Weiter geht der Unterricht. Sie ordnen auf den Arbeitsblättern zu und dann teste ich mal kurz an: "Welche Nadelbäume kennt ihr?"  
Nina ganz euphorisch: "Weihnachtsbaum!"  
Paul unterdrückt ein Lachen, Hanna schlägt sich die Hand an die Stirn und Nicky fantasiert den Kram zu Ende: "...und die Früchte heißen 'Geschenke'."  
Alle lachen. Also sie. Und er. Ich nich.  
Ich zähle genervt auf: "Kiefer, Fichte, Lärche..."  
Paul: "Nüsse."  
Ich: "Nüsse?"  
Er: "Früchte."  
Ich: "Früchte?"  
Er: "LINDE!"  
Ich: "Ja, und?"  
Er: "Nüsse."  
Ich: "Lindennuss?"  
Er: "Oder Lindennüsschen."  
Ich ahne, was da auf mich zukommt, gebe den Unsinn aber weiter: "Also die Früchte der Linde heißen 'Lindennüsschen'."  
Und natürlich alle drei wie im Chor: "Kann man die essen?"  
Ich rolle die Augen: "Papa!"  
Paul: "Hey Google..."  
Weiter geht der Unterricht. Inzwischen sind sie schon sehr unkonzentriert. Ich dreh die Memory-Karten um, Nicky zieht eine Karte, dreht sie, hält sie vor sich, guckt ne Weile drauf, guckt mich dann an, dann ihre Schwestern, dann mich: "Wer is dran?"  
Das Augen rollen wird lauter.  
Ich: "Du, Schätzelein. Nimm eine zweite Karte... Passen sie zusammen?... Dann leg beide wieder hin... Umdrehen... Beide..."  
Das Wort 'unkonzentriert' ist die Untertreibung des Jahres. Nina ist dran. Eine Kastanie.  
Hanna: "Die kann man essen."  
Ich: "Nein."  
Hanna: "Doch - die hab ich mal im Laden beim Obst und Gemüse gesehen."  
Ich: "Das waren andere."  
Hanna weiß es aber besser: "Nein, das waren Kastanien!!!"  
Ich: "Ja... aber nein."  
Hanna: "Doch!"  
Paul: "Kann man essen."  
Ich gucke "Echt jetzt?"  
Paul deutet auf sein Handy: "Ja, steht hier."  
Ich verdrehe die Augen: "Wir sind bei Kastanien."  
Paul: "Die auch."  
Hanna triumphierend: "Siehste!"  
Ich: "Aber nicht jede Sorte."  
Paul: "Nur die Esskastanien."  
Nina: "Gibt's auch Trinkkastanien?"  
Ich knalle verzweifelt meinen Kopf auf den Tisch, lasse ihn da liegen und murmel: "Ick fühl mich wie n Regisseur mit ner verdammt schlechten Besetzung."  
Paul: "Diss is jetz aber n bisschen hart."  
Ich: "Und vom Produzenten wolln wa erst gar nicht reden." 
Paul: "Hab dich nich so - lernst doch och dazu." 
Ich: "Bin grad nich so wissenshungrig mitte Botanik." 
Paul: "Und wenn doch, sammelste dir auffa Straße n Lindennüsschen... oder zwei." 
Hanna kichert: "Oder ne Kastanie hier vorm Haus."  
Nina mit unschlagbarer Logik: "Die kann man so nicht essen, die muss man erst in den Laden bringen." 
Ich: "Wenn ich nen Waschlappen zum Obst und Gemüse lege, kann ich den nicht automatisch essen."  
Nina: "Nee, aber wenn du ihn in die Limo schmeißt, kannst du ihn trinken." 
Nicky: "Und weil in Limo Obst ist, ist der Lappen dann auch Obst." 
Ich: "Inna WC-Ente mit Zitronenduft is mehr Frucht als inna Limo heutzutage." 
Hanna: "Ente is aber beim Fleisch, nich beim Obst und Gemüse." 
Ich: "Nee, diese Ente is für's Klo..." 
Paul: "Enten kann man mit Kastanien füllen." 
Nina: "Füttern heißt das, Papa!" 
Paul: "Nee, erst Hals ab, Gekröse raus, Kastanien rein und ab in den Ofen. Schmeckt lecker." 
Hanna: "Siehste, Kastanien kann man essen, Mama." 
Ich: "Ich bin so müde." 
Nicky: "Wenn wir die Ente schlachten, kannste dir aus den Federn n Kissen machen." 
Hanna: " Oder du legst dich draußen ins Laub von der Kastanie." 
Ich: "Nee, da liegen bestimmt noch Kastanienschalen und die pieksen wie Nadeln." 
Nina: "Gar nicht, Kastanie ist kein Nadelbaum." 
Ich atme tief durch: "Nein, mein Kind... Aber vielleicht liegt schon ein Igel im Laubhaufen und der piekst." 
Nina: "Der wird platt, wenn du dich drauf legst." 
Nicky kichert: "Und dann haste n Igel am Poooo." 
Hanna: "Und dann biste n Nadelbaum." 
Ich: "Jaja, und mein Kreischen wird klingen wie die Nachtigall und nicht die Lärche." 
Fragende Gesichter. 
Ich: "Shakespaere... Wortwitz... Lärche... Lerche..." 
Fragende Gesichter. 
Ich winke ab: "Ach, Perlen vor die Säue." 
Paul: "Boa, wenn die mitta Schule fertig sind und solche Klugscheißer und Korinthenkacker wie du werden..." 
Nicky: "Liegestütze, Papa!" 
Paul guckt fragend. 
Nicky: "Du hast Kacke und Scheiße gesagt... Liegestütze, Papa." 
Ich: "20 Stück, Papa." 
Nina: "Genau, Papa." 
Hanna: "Hopp hopp, Papa." 
Papa: "Bei euch piept's wohl." 
Ich: "Nein, bei uns piekst es höchstens." 
Hanna: "Genau! Wie Nadelbäume." 
Nina: "Oder Po mit Igel." 
Nicky: "Oder die Lärsche... Lärsche klingt wie Ärsche..." 
Alle drei kichern. 
Ich zu Paul: "Keene Angst, ditt werden keene Klugscheißer. Die haben dein Niveau." 
Paul: "Bin ja och der Produzent." 
Ich: "Naja, mach dir keene Sorgen, unter meiner Regie klappt ditt mitta Weltherrschaft trotzdem." 
Paul: "Und dann koofn wa alle Wälder und nageln an jeden verdammten Baum n Schild mit der Aufschrift 'Mir egal'. Und wenn dann der Lehrer fragt, wie ditt Ding heißt, antworten die Kinder ab sofort imma richtig." 
Ich nicke: "Geile Sache... Aber leider zu spät für unsre." 
Ich zu den Kindern: "Merkt euch das jetzt gaaanz genau: Wenn einer von euch ne Zeitreisemaschine erfindet, also suuuperschlau wird, möge er sich JETZT HIER materialisieren und uns sagen, ob Lindennüsschen dafür wichtig waren." 
Nix passiert. 
Paul: "Jaja, deine Regie." 
Ich: "Weltherrschaft geht trotzdem. Politik setzt oft genug nicht viel Bildung, sondern nur ne gehörige Portion Mut und Größenwahn voraus." 
Paul nickt nachdenklich: "Nicky, kaufste Papa ne Viper, wenn de groß bist?"  
Nicky: "Ja. Hundert, Papa. Alles was du willst. Und den Mond und die Sonne und..." 
Ich raune ihm zu: "Siehste Größenwahn... mach dir keene Sorgen." 

 

 

 

15.10.2019 

Ich: "Nur zur Info: Ich geh heut mit einer alten Freundin essen." 
Mini-me hebt missbilligend eine Augenbraue: "Warum gehst du mit der essen, wenn die alt is." 
Ok, so war das nicht gedacht, aber gut; mögen die Spiele beginnen. 
Ich zucke mit den Schultern: "Sie is ne Nette." 
Mini-me: "Is sie wenigstens hübsch?" 
Ich: "Ja, isse." 
Mini-me: "Aha." 
Sie überlegt. 
Ich: "Noch irgendwelche Bedingungen, die sie zu erfüllen hat?" 
Mini-me: "Hä?" 
Ich: "Noch Fragen?" 
Mini-me überlegt: "Is sie dick?" 
Ich: "Nee." 
Mini-me: "Is sie schlau?" 
Ich: "Jo." 
Mini-me überlegt: "Welchen Beruf hat sie?" 
Ich: "Coiffeur." 
Mini-me: "Hä?" 
Ich: "Das is vornehm für 'Frisör'." 
Mini-me überlegt: "Aha... Is sie eine feine Dame?" 
Ich: "Denke schon." 
Mini-me stemmt entrüstet die Hände in die Hüften: "Weißt du das nicht? Das musst du doch wissen, bevor du mit ihr irgendwo essen gehst. Sie muss sich doch benehmen." 
Ich überlege: "Naja, sie is ja alt genug. Selbst wenn sie keine Dame is, wird sie wohl so tun können." 
Mini-me is nich ganz zufrieden: "Mmh..." 
Ich: "Ich setz mich in eine dunkle Ecke mit ihr, ok?" 
Mini-me: "Ja... Nee... Wenn sie doch so hübsch is, kannste sie nich in eine Ecke setzen..." 
Ich: "Naja, aber wenn sie doch keine Dame is, mit den Händen isst, sich bekleckert und rülpst..." 
Mini-me nickt: "Ja gut, dann in eine Ecke." 
Ich: "Krieg ich also Ausgang?" 
Mini-me: "Hä?" 
Ich: "Darf ich also mit ihr essen gehen? Hast du noch Fragen?" 
Mini-me: "Liest Papa uns dann vor?" 
Ich: "Türlich." 
Mini-me wägt ab: "Na gut. Aber nich so lange." 
Gut, dass sie die Uhr noch nicht lesen können. 
Ich: "10 Minuten." 
Mini-me entschieden: "Nein nein. Höchstens 1 Stunde." 
Ich überlege: "Na gut, das wird wohl reichen." 
Mini-me: "Dicke." 
Ich nicke. 
Mini-me: "Aber morgen musst du mir alles erzählen." 
Ich nicke. 
Mini-me überlegt: "Kaffee..." 
Ich: "Kriegste nich." 
Mini-me: "Hä?" 
Ich: "Kein Kaffe unter 1,60 Meter." 
Mini-me: "Nein, kein Kaffee. Ich meine ihren Beruf." 
Ich hab verstanden und verbessere: "Coiffeur, nich Kaffee!" 
Mini-me: "Jaja, Frisör." 
Ich nicke. 
Mini-me nickt. 
Schweigen. 
Was geht nur in diesem Kopf vor? 
Ich: "Is 'n ehrenwerter Beruf." 
Sie überlegt. 
Ich: "Ja, Himmel, du kennst sie doch. Sie hat euch doch auch schon die Haare geschnitten. Da habt ihr bei ihr doch unter den Sesseln verstecken gespielt und seid auf den Stühlen durch den Salon geritten." 
Mini-me: "Salon?" 
Ich verdrehe die Augen und atme tiiiief ein: "Laden." 
Mini-me: "Kann die denn nix normal sagen?" 
Ich: "Wohl wirklich ne Dame." 
Mini-me hat ne Eingebung: "Ach wo wir Gummibärchen und so viereckigen Saft bekommen haben?" 
Ich: "Jenau." 
Mini-me: "Ja, die is cool. Kannst gehen." 
Ich: "Ich danke dir." 
Mini-me: "Kannst auch ruhig 10 Minuten bleiben." 
Ich: "Du bist so gütig." 
Mini-me: "Ich bin ja auch eine Dame." 
Ich: "Du isst mit den Händen, kleckerst und rülpst." 
Mini-me verengt die Augen zu Schlitzen und hebt drohend den Zeigefinger: "Nich frech werden." 
Ich fall auf die Knie: "Oh du erhabenstes aller Geschöpfe, verzeih mir meine Missetaten. Ich bin so unwürdig." 
Ich verbeuge mich, bettel und wimmer: "Bitte bitte gewähre mir einen Abend in Freiheit. Ich flehe dich an." 
Mini-me kichert: "Mann Mama." 
Ich steh wieder auf, reiche ihr die Hand zur Geschäftsabwicklung: "10 Minuten." 
Mini-me ergreift und schüttelt meine Hand: "Abgemacht." 
Ich: "Abgemacht." 
Mini-me: "Schwör!!!" 
Ich: "Übertreib nicht." 
Mini-me: "Na gut, geh los." 
Ich: "Heut Abend erst." 
Mini-me komplett entrüstet und genervt: "Boa ey, warum nervste mich dann jetzt schon????" 
Ich beschämt kleinlaut: "Naja, fristgerechte Antragstellung und so." 
Mini-me entschieden: "Mama, ich will jetz nix mehr hören. Es reicht mir mit dir." 
Ich unterdrücke ein Lachen und schweige. 
Sie geht. 
Ich atme erleichtert mehrmals tief durch und schließe die Augen. 
Nummer Zwei und Drei kommen aufgeregt ins Zimmer: "Mama, du gehst heut Abend zum Frisör?" und "Wer liest uns dann vor?" und "Nicky erzählt nur Unsinn." 
Ich völlig am Ende: "Jaja, Papa is eine Dame, der Frisör liest euch vor und ich versteck mich unterm Sessel." 
Zwei zu Drei oder Drei zu Zwei im Gehen (was macht das jetzt schon?): "Siehste, wenn Nicky mit Mama quatscht, machen die nur Unsinn." 
Als sie weg sind, keucht es hinter mir. 
Ich dreh mich um. Hinter mir hockt Paul mit hochrotem Kopf, sich den Bauch haltend und bebend aufm Sessel. Er wischt sich ein Tränchen weg. 
Ich: "Lachst du oder heulst du?" 
Er nickt und lachheult weiter. 
Ich hebe den Zeigefinger: "Nich frech werden, Papa!" 
Er stellt sich kurz ernst: "Aber nur 10 Minuten!", kichert, macht wieder auf ernst: "Und mit Messer und Gabel essen!!!" und prustet wieder los. 
Ich genervt und Augen rollend: "Ich bin im Irrenhaus." 
Von oben brüllen Zwei und Drei wie im Chor: "Liest uns Papa dann vor?" 
Ich brüll zurück: "Nur 10 Minuten und nur mit Messer und Gabel!" 
Ich hör sie Treppe runtertrampeln.  
Dann: "Mit wem gehst du eigentlich essen?" 

Ich weiß nicht, ob ich heute Abend noch die Kraft habe, das Haus zu verlassen. 

Ist das ihre Taktik - den Feind zermürben bis er aufgibt, zu Hause bleibt und vorliest? 

Naja, sind ja nur 10 Minuten... 

 

 

 

03.09.2019 
Aktuell läuft die 5te Schulwoche. Also ever. Die Einschulung ist überstanden, die ersten Wochen sind überlebt (ich finde, dafür sollte ich nun endgültig die Friedensnobelpreis-Nominierung, den Ehren-Oscar, das Bundesdingskreuz oder den Ritterschlag bekommen) und der Alltag wird routinierter. Das Chaos der letzten Wochen und Monate ist also, wie ihr euch denken könnt, Schuld an der langen Funkstille.  

Überraschende Dinge hält die Schule, aber vor Allem der Hort für Kinder und Eltern bereit: 

Die Garderobe als Umschlagplatz für Centershocks ("Wenn du morgen keine Centershocks mitbringst, kriegste Prügel") macht mir Angst: ich war Zeuge und kann den Dealer beschreiben. Muss ich nun ins Zeugenschutzprogramm? Werd ich kalt gemacht? Oder kann ich sie erpressen? Wenn ja, wieviel verlangt man - 5 Centershocks oder eher 10? Ich kenn die heutigen Preise nicht. 

Schon nach einer Woche wussten sie, dass Penis und Vagina irgendwie miteinander interagieren können. Näheres war ihnen nicht bekannt. Mir auch nicht. Dumm stellen und vom Thema ablenken war meine Devise. 

"Alter" wird tagesformabhängig (wie hoch der Coolness-Level halt grade is) häufiger als Danke und Bitte benutzt, "Du Penner" wird mangels Kenntnis über die Bedeutung fröhlich und fast liebevoll dem Papa an den Kopf geknallt, der Musikraum vom Hort verankert Liederfetzen wie: "Ich hab dich tanzen geseeeehn.", "Däspatzizo, suhve suhve sito." und "Sternenhimmel, Sternenhimmel" und direkt aus der Schule kommt der "Anlaut-Rap", dessen Name ich erst nach ca. 14 Tagen verstand. Vorher klang es wie "Anau-Hepp", dann wurde es zu "Anhau-Huapp" und zuletzt "Anlau-Trepp".  

Aber solange wenigstens eine von ihnen mir am Schultor "Ich hab dich lieb" hinterher ruft, isses nice. Und sie sind ganz wild darauf, Mama und Papa ins Bett zu bringen und uns eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. 

In die Zeit der ersten Schulwochen fiel auch ihr siebter Geburtstag. Da wir erst kurz zuvor eine Party zur Einschulung veranstaltet hatten, wollten wir den Tag anders gestalten. Nachdem sie vormittags mit ihren Großeltern im Tierpark waren, starteten wir nachmittags das Wunschprogramm: Shoppen. Zum ersten Mal durften sie sich - zumal offline - ihre Kleidung selbst aussuchen. (Na mit Dreien und wenig Kapital muss man halt nehmen was preiswert ist und nicht, was das Herz begehrt.) Wir hatten ihre Sparschweinchen ordentlich aufgestockt und so war auch ein Besuch im Spielzeugladen drin. In zwei (!) Bekleidungsläden verbrachten wir die ersten drei (!) Stunden, gönnten uns dann einen Kaffee und ihnen ein Eis und wuselten dann zwei Stunden durch einen (!) Spielzeugladen. Fünf Stunden für drei Läden. Echte Frauenmarotten - von mir haben sie das nicht; ich hasse Shoppen. Gut, das mag daran liegen, dass ich nur beim Zeltverleih bequeme Kleidung finden würde, aber so isses halt. Für Paul, seinen Bruder (ja, Verstärkung war dabei) und mich war es also eine echte Geduldsprobe. Als das endlich hinter uns lag, ging es noch zu Burger K***. Dort standen sie vor dem Schaukasten, indem die ach so hochwertigen Spielzeug-Beigaben zum Auswählen aufgereiht sind. Kleine Smiley-(oder wie Nicky sagen würde: Smartie-)Kissen mit verschiedenen Fratzen gab es. Natürlich gab es genau DIE Fratze, die sie sich ausgesucht hatten nicht mehr. Zwei Drittel gaben sich mit den Alternativen zufrieden, die Dritte erbockte sich jedoch einen Umtausch in eine weniger hässliche Alternative. Wo die Dinger heute sind - kein Schimmer. 

Nun wird der Alltag entspannter und somit auch wir Eltern. Als Nicky heute nicht allein spielen wollte und maulte, dass ihre Schwestern nicht mitkommen und sie ja so allein wäre, schickte Paul sie einen Kugelschreiber holen. Sie brauchte noch drei Wiederholungen bis sie verdattert und verwirrt tat, wie ihr geheißen. Dann verlangte Paul ihren Finger, malte eine Smiley/Smartie auf ihre Fingerkuppe, drehte ihn zu ihr und sagte: "So, ditt is Klaus, der geht mit dir spielen, damitte nich so alleene bist." Sie starrte ihn und Paul abwechselnd mit großen Augen an, begriff den Joke und maulte etwas vor sich hin. Paul bemalte einen zweiten Finger, nannte ihn Trude und schickte sie los - falls Klaus ihr dumm kommen würde, könne sie jetzt mit Trude spielen. 

Als sie dann irgendwann ins Bett gingen und bei uns schon die Feierabend-Stimmung aufkam, wurde die Tür aufgerissen und Getrappel gefolgt von einem "Mama, Nina geht petzen." erklang. Das ist das Absurdeste seit der "Sind das drei?"-Frage eines Passanten beim Spaziergang mit dem Drillingskinderwagen. Petzen zu verpetzen ist wie... wie... kein Schimmer. Sogar mir fehlen die Worte. 

Und zum Abschluss des Tages noch eine vor Eloquenz strotzende Konversation zwischen Nina und mir, nachdem ich ihr auf dem Weg zurück ins Bett etwas zurief: 
Sie: "Was?" 
Ich: "Wie bitte!" 
Sie: "Wie bitte?" 
Ich: "Was denn?" 
Sie: "Was?" 
Ich: "Hä?" 
Sie: "Wie bitte?" 
Ich: "Was?" 
Sie komplett genervt: "Boa Alter ey, WATT IS DENN?" 
Ich: "Nüscht." 
Sie scheinbar kapitulierend: "Boa Mama ey, das nervt!" 
Ich: "Petz doch!" 
Von oben eine der Schwestern: "Was?" 
Sie nach oben: "WIE BITTE!!!" 
Ich: "Wie bitte?" 
Oben: "Hä?" 
Sie rollt HÖRBAR mit den Augen: "BOOOOOAAAAAA. Ich geh jetz ins Bett.!" 

Gewonnen. Glaub ich. Ich seh bei dem ganzen Unsinn oft genug selbst nicht durch.  

Aber mit dererlei diplomatischem Knowhow sollte das mit dem Nobelpreis was werden... Und wenns nur der für Literatur is... 

 

 

 

11.07.2019 
Teil 2 

Und später... 

Wir liegen schon im Bett. 
Ich: "Du, na neben meinem Kopfteil in der Ecke is ne Spinne. Ich möchte, das du die wegmachst." Das muss man sich in einer Tonlage vorstellen, in der Kleinkinder die Mami fragen, ob sie bitte bitte noch einen Lolli haben dürfen. 
Er: "Mach selbst." 
Ich: "Nee. Die is da so mittendrin. Also die schwebt so. So in den Netzteilen-Seilen und so... Mach die weg." 
Er: "Mach selbst." 
Ich (jetzt wie ein allmählich ungeduldiges Kleinkind): "Hör mal, ich bin ein respekt- und schützenswertes Persönchen und deine geliebte Ehe..." 
Er: "Boa, wie soll ick'n da jetz rankommn?" 
Ich wieder im Anfangston: "Na du bringst deinen Leib in eine halbwegs aufrechte Position, bewegst dich um's Bett herum und dann *batsch*." 
Er: "Ja nee, is klar. Steh ick wegen sowatt uff, oda watt?" 
Ich wieder etwas kindlich-bockig: "Ich bin dein Schützling!" 
Er greift zum Hausschuh und rollt sich elegant (das Wort leitet sich in diesem Kontext vom ähnlich klingendem Rüsseltier ab) auf meine Seite und peilt die Lage. 
Ich: "Guck mal, ich mach sogar Licht für dich an." 
Er grummelt. 
Ich dreh mich weg: "Ich kann nicht zusehen, wenn Tiere getötet werden." (Mal ehrlich - das Geräusch is schon abartig! Quetsch-Knusper-Iiiigitt!) 
Es quetsch-knuspert. 
Ich seh wieder hin und sehe das Ende der Tat. Er presst den Schuh doch recht energisch gegen den Bettfuß. Dann guckt er, schüttelt überm Boden (als würden da Teilchen größer als n Millimeter übrig sein) und erklärt seine Mission für beendet. 
Ich: "Und jetz lässte diss da so liegen?" 
Er: "Da is nüscht mehr übrig." 
Ich: "Doch!" 
Er: "Watt?" 
Ich: "Karma" 
Er: "Watt für'n Karma?" 
Ich: "Opfer-Karma!" 
Er schaut mich fassungslos an. 
Ich: "Wenn mein Arm nachts ausm Bett fällt und dann da so rein..." 
Er: "Watt dann? Haste Angst vor der Auftragskiller-Kompanie?" 
Ich massiv kleinlaut: "Bisschen..." 
Er: "Wer hat denn angefangen?" 
Ich: "Du." 
Er: "Watt?" 
Ich: "Na Generalschuld und so..." 
Er wirft verzweifelt den Kopf auf's Kissen, schließt die Augen und klatscht die flache Hand unendlich erschöpft auf seine Stirn: "Sind wa wieder im Pippi Langstrumpf-Modus?" 
Ich bestätige: "Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt..." 

 

 

 

11.07.2019  
Teil 1 

Urlaub an der Ostsee.  

Unser Vorsatz als Eltern: so wenig wie möglich "nein" sagen. Und so kam die Erdbeer-Marshmallow-Creme auf das Toast. Optisch erinnerte sie mich an die Einhorn-Glitzer-Knete, die sich Nicky in die Ohren gesteckt hat. Nur eben ohne Glitzer (ne Schweinerei, wenn man's genau bedenkt). Auf dem Messer klebte sie, als käme sie aus dem gleichen Werk wie Pritt, Uhu & Co. Ich kürz mal ab: wir haben drei Toasts mit drei Ecken entsorgt. Mehr als einmal eine Ecke abbeißen, war nicht drin. Also das altbewährte Nu***la, Käse mit Erdbeermarmelade (pfui - von Paul abgeguckt) und Nektarinen. Dann fix angezogen und ab zum Strand.  

Paul, der alte Seebär, wollte mit ihnen auf die Seebrücke. Naja, eher Anleger. Sie hatte nur auf einer Seite und stellenweise gar kein Geländer. Für mich als Nichtschwimmer - und daher Schisser, denn der Mensch neigt ja dazu, zu fürchten, was er nicht kennt - eine Zitterpartie. Sonst recht entspannt, wurde ich also zur Helikopter-Mama: "Nur links laufen... komm da weg... weiter links... liiihiiinks!!!... so, jetzt schön in der Mitte... Hanna, weg da!..." und Paul: "Mach dich mal locker, Muddi!" Ich: "Und wer springt hinterher, wenn eine reinfällt? Du kriegst doch n Herzkasper, wenn de mitm kleinen Zeh das kalte Duschwasser abkriegst." (Er brauchte letztens gut 10 Minuten um in unseren 90-cm-Pool zu klettern. Bei gefühlten 50 Grad Außentemperatur.). Er: "Na und? Wir hamm doch noch zwei."  
Grrrr 

Wenig später - bei 18 Grad und Sonne - sprangen unsere Drei nur im Schlüppi in die Ostsee. Also vom Strand aus. Nicht via Arschbombe vonna Brücke. "Mama, zieh dich aus und komm mit rein!" Ich: "Ne, dann sehen alle... ach druff jeschissn." Ich krempel mir also die Hosen bis zu den Knien, ziehe Schuhe und Socken aus (mehr zeig ich nicht - mehr ist auch nicht zumutbar) und tapse im knöcheltiefen Wasser umher. Wirkt ein bisschen wie ein neumodischer Tanz, denn nur Legosteine unter den Füßen wären schlimmer. Dass im Meer aber auch so viel Kram ist. Muscheln, kaputte Muscheln, Steine, Brocken, Felsen, kaputte Steine, Brocken und Felsen, Muscheln und vor allem: kaputte Muscheln. Wie ne Fußmassage im SM-Club. Während ich vor mich hin aua (was ist hier wohl das passende Verb? Auere? Auer? Aber auf der Suche nach dem Verb, findet sich das passende Substantiv: Aua-Ochse), beschmieren sie sich mich Schlamm. Fango für lau. Dann wetzen sie über den Strand, buddeln sich ein, quietschen ständig "Ihr seid die BÄÄÄÄSTEN ELTERN!!!" und schmieren sich wieder ein.  

Als wir aufbrechen, zicken sie rum, weil sie ja mit den sandigen Füßen die unsandigen Schlüpper dreckig machen könnten und überhaupt könnte jemand die Popos sehen. Also schnappen wir uns die Sachen und lassen sie in Gummistiefeln die 300 Meter bis zum Quartier in Handtüchern laufen. Was für sie bis zur Hälfte des Wegen nach ner geilen Idee klingt, bereuen sie, als ihnen aufgeht, dass der Rest des Weges an der Straße zurückzulegen ist: "Dann sehen doch alle, dass wir nackt sind." Ich: "Nein, die sehen drei fliegende Handtücher mit Gummistiefeln drunter und nasser Wolle drüber." Dann zicken sie noch die Gummistiefel weg, denn die sind natürlich voll mit Sand und scheuern auf "Dauer". Na jut. Also barfuß. Egal. Ab ins Ferienhaus. Trocknen. Fönen. Anziehen. Und ab zum nächsten Tagesordnungspunkt. 

15 Minuten Autofahrt bis zum Restaurant. Nach zweien schläft Nicky ein (geht oft schneller) und nach ca. 13 sinken auch die anderen Köpfchen auf die Brust und eiern hin und her. Ab ins Parkhaus und mit drei schlaftrunkenen Mädels ein Stück durch die Altstadt. Im Restaurant bekommen sie von der Kellnerin Kinderspeisekarten zum Ausmalen und ein Glas mit Stiften. Was sie essen, ist also egal. Malen!!! Als das Essen kommt - nein, Moment... Als das Essen ääääändlich kommt, wird gestochert, getauscht, gerülpst und überall gekostet - Moment: ja, gerülpst. Zum Glück sind alle anderen Gäste im Außenbereich vor dem Restaurant und nicht in Hörweite. Daheim ist das witzig und teilweise versuchen sie, zu sprechrülpsen und wir bepullern uns oft vor Lachen. Aber hier... Wir weisen also zurecht. Ist nicht so, das wir das nicht schon oooft gesagt hätten und auch daheim langsam versuchen abzuerziehen, aber es ist halt verankert. 🤷‍♀️🙈 Ich gelobe Besserung, aber solange Paul stolz wie Bolle ist, sobald sie lauter als er sind, wird das nix. Naja, dass ich ihnen kürzlich den Ausspruch "Ein Rülpser ist ein Magenwind, der nicht dem Weg zum Arschloch find." beigebracht habe, wird wohl auch nicht förderlich gewesen sein. Aber hey - ich hab's schon auf 'Poloch' ändern können. Man muss auch die kleinen Erfolge wertschätzen... 

Nach dem Essen schlendern wir durch die Fußgängerzone. Paul sucht einen Sonnenhut. Na bitte. Wir betreten und verlassen also mehrere Geschäfte. Das ist für die Kids nicht allzu langweilig, weil die Herrenbekleidung meist in der oberen Etage zu finden ist und nach oben geht's mit Rolltreppe. Uuuuh. In einem Geschäft, das ich hier nicHt naMentlich benennen will, komme ich auch auf den Geschmack. Nein, nicht auf der Rolltreppe zu turnen, sondern mir eventuell neues Kleiderschrankfüllmaterial zu kaufen. Ich warte gedulig an der Kasse, bis die Size-Zero einen Augenblick für mich hat, schlucke das "Wo is denn hier für Nilpferde?" runter und frage nach der Abteilung für große Größen. "Da um die Ecke, ganz hinten rechts." Ah ok. Nicht nur in die obere Etage zur Bekleidung für das unmodischere Geschlecht verbannt, sondern dort auch in den hintersten Winkel. Ja, wer will auch Leberwürsten im Naturdarm beim Shoppen zusehen, wenn man die Vorzeige-Etage mit magerer Putenbrust schmücken kann. Ich gehe also bis kurz vor die Besenkammer und schaue mich im Zelt-Lager um. Während die Mädels zwischen Kleiderständern Verstecken spielen, den Kleiderpuppen auf den Zahn fühlen ("Hat die eine Mumu?") und mit ungebetenen Kommentaren um sich schmeißen ("Oh, kaufst du ein Nachthemd?" - es war ne Bluse), berät mich Paul recht gut, ermuntert mich und ist geduldig. Ich hab eh schnell die Schnauze voll von sowas, also sind wir recht fix wieder bei Size-Zero. Die gibt grad an eine Größe 38 (uuuuh) ab und diese Dame ist geduldig. An den Kassen gibt es hier keine Lollis und Schokoriegel, aber Mädchen-Schmuck mit Bling Bling, Glitzer und Plüsch. Wir haben unser Urlaubsmotto im Kopf und nach einigen "Ja"s bezahlen wir endlich - auch Pauls Hut. 

Wir setzen uns mit Softeis in die Fußgängerzone. Während die Mädels ihre weißen (ja, ich bin bescheuert) Kleider mit Schoko und Blaubeere bekleckern (wofür sie sich beim Weg zum Auto schämen und mit einem "Is völlig egal, was Andere denken!" von mir bedacht werden), fummelt Paul an dem Preisschild seines Hutes herum. Ich: "Haste keen Taschenmesser?" Er: "Nee... hol mal dein Zippo raus." Meins läuft nicht mit Benzin, sondern mit Gas und macht ne sogenannte Jet-Flamme, mit der man aus seiner Nase leicht eine Creme Brulee machen kann. Er hält den Hut und das Schild auseinander und somit das zu zertrennende Plastikband bereit. Ich schalte den Bunzenbrenner an und schon quiekt er wie ein Mädchen: "Ey, ditt war mein Daumen." Ich: "Ditt Schild is ab. Watt willste?" Er: "Überleben." Ich: "Dann hättste n Mann fragen sollen. Logik brauchste von mir nich erwarten." Er: "Aber dass de mich nicht gleich anzünden sollst, hätte dir wohl klar sein müssen." Ich: "Du Mädchen!" Ich hab sicherheitshalber hingeguckt: der Daumen war noch dran und zartrosa wie immer. Also watt willa? 

Auf der Rückfahrt: "Guck mal, Mc Donalds!" und schon geht's los: "Old Mac Donald hat ne Farm, Hijahijaho..." Hanna: "Das heißt nicht Hijahijaho, sondern HijahijaJO!" und nach ein paar Minuten Gezicke schmeiß ich laut Musik an: Eddy Cochran, "Summertime Blues".  

Jetzt gucken sie König Drosselbart, essen viel zu viel "Wir sagen wenig 'nein'" und ich sitz im an einer Klippe endenden Garten leg die Füße hoch, vermeide Creme Brulee und schaue mir den Sonnenuntergang an. In Ruhe... 

Ist das Leben nicht schön? 

 

 

 

02.07.2019 

Von Picksen und Dusseln 

Eigentlich waren Spritzen nie ein großes Thema für die Mädels. Rein, raus, aus. Bei der letzten Grippeschutzimpfung (nicht verteufeln - bei einem Immunschwachen im Haushalt ist das nunmal nötig und wir haben die Impfungen immer ohne Nebenwirkungen überstanden) allerdings war es laut. Seeehr laut. Ich war so dumm, die Drei nicht vorzuwarnen und so wurden sie nahezu überrollt. 

Diesmal haben wir sie schon eine gute Woche lang darauf vorbereitet. Wir haben sogar geübt. "Wie willst du sitzen?" und "Guck mal, so halte ich dich dann." Und sie durften mit Spritzen ohne Nadel aus Pauls Voratsschrank auch selbst üben.  

Beim Arzt hat sich Nicky auch direkt angeboten, Erste zu sein. Alles lief glatt. Nina war reichlich skeptisch, aber als der Doktor ihr "angeboten" hat, auf seinen Schoß zu kommen, ist sie recht schnell zu mir geklettert und eins, zwei, fix, war alles fertig. Und trotz dem sich Hanna als Letzte schon zwei Mal davon überzeugt hatte, dass weder die Arme vom Spritzen abfallen, noch die Augen Wasser lassen mussten oder man gar vom Doktor gefressen wird, hat sie ziemlich ängstlich dagestanden und sich zunächst nicht vom Fleck gerührt. Nach Onkel Doktors "Drohung" sie beim Spritzen zu halten, hat sie ihren 'Fuchsi' vor Gesicht und Brust gehalten. Vielleicht springt der Arzt ja vor Schreck an die Decke oder plumpst vom Hocker, oder mit ein bisschen Glück fängt Fuchsi die Spritze ab. Was auch immer sie sich gedacht hat, nix passierte. Die auch anwesende Sprechstundenhilfe/ Medizinische Assistentin/ Co-Doktor/ whatever-man-möge-mir-verzeihen hat sich dann ebenfalls angeboten, sie festzuhalten. Somit hatten sich schon zwei "Bösewichte" angeboten, sie zu packen, festzuklammern, 1000 Riesenspritzen in die Ärmchen zu jagen oder was auch immer für ein Film in Hannas Kopfkino ablief. Mamas Schoß klang also mittlerweile nicht mehr wie ein potenzieller Tatort. Ich will mal abkürzen: sie hat auch überlebt.  
Stolz wie baldige Einschüler nunmal sind, haben sie dem Arzt noch ein Lied vom Schulbeginn vorgetragen. Naja, zwei Drittel. Hanna hat ihm den Rücken zugedreht und stand nach der Hälfte des Liedes schon an der Tür und bat mit Blicken um meine Erlaubnis, nun endlich das Zimmer des Grauens verlassen zu dürfen. 

Da sie eh schon die Kita "geschwänzt" hatten - naja, und als Lockmittel wegen der Spritzen, hatte ich Kinokarten gekauft. Beim Arzt ging es schneller als gedacht, also haben wir noch eine halbe Stunde daheim verbracht. Für ordentlich schmuddelige Hände reichte das allemal. "Nu aber hopphopp, wir wollen los und ihr müsst noch Hände waschen." Drei Mal "Mannoooo" konnte ich mit "Mit dreckigen Händen kann man kein Popcorn essen." schnell abwürgen.  

Und dann gings los. Mit Popcorn und Selter bewaffnet saßen wir endlich vor der Leinwand und ließen die Werbung über uns ergehen. Und die Vorschau. Und wieder Werbung. Und den Vorspann. Und dann war's nice.  

Irgendwann stand Aladdin als Prinz verkleidet vor'm Sultan und seiner Angebeteten und stammelte peinliches Zeugs. Nina: "Boa ist der dumm." Ich: "Der is nich dumm, der is verliebt. Verliebte sind manchmal ganz schön dusselig." Nina überlegt kurz: "Dann is Papa auch dusselig?" Ich räuspere mich: "Ähm..." - da musste ich konsequent sein - "Ja... sehr..." Und zum Glück war das Thema damit gegessen. 

Aber nur kurz. Beim Abendbrot fiel ihr Mamas Quatsch wieder ein: "Papa, Mama hat gesagt, dass du dusselig bist." Paul schaut mich groß an: "Soso, bin ich das?" Nina: "Ja, weil du in sie verliebt bist." Paul: "Aaaah. Ja, das dachte ich mir auch schon ein paar Mal." Nina: "Is nich schlimm, Mama is ja dusselig."  

Wie wahr... 

 

 

 

27.06.2019 
Heut früh drei Lavendelpflanzen gepflanzt, für gut befunden, noch Platz entdeckt, also ab zum Einkaufen. 
Mit 12 Stück im Wagen steh ich an der Kasse.  
Der Kassierer: "Wie groß werden die denn?" 
Ich umreiße mit den Armen nen guten halben Meter: "Na so auf jeden Fall." 
Er: "Mmh." 
Ich: "Gut gegen Mücken. Und pro Bienen." 
Er: "Ick nehm imma Gin gegen Mücken." 
Ich: "Ick geh imma rinn gegen Mücken." 
Wir lachen. 
Er: "Bleibn se so, wie se sind!" 
Ich: "So is der Plan." 

Nice.  
So jefällt ma Inkoofn.🤣 

 

 

22.06.2019 

Wie auch immer sie darauf kamen in einem Umfeld, das atheistischer kaum sein könnte: Heute fragten die Mädels, wer 'Gott' ist. Ich vertrete da den Standpunkt, dass man die Kids nicht beeinflussen sollte, Paul ist da sehr vehement und ich sehe ihn schon tief einatmen und zum Fluchen bereit machen. Ich schneid ihm das Wort ab, ehe es ihm über die Lippen kommt: "Also es gibt Menschen, die glauben, dass es einen Gott gibt. Der lebt im Himmel. Und dann gibt es den Teufel, der lebt unter der Erde. Gott macht das Gute in der Welt und der Teufel macht das Böse." Für die erste Theologiestunde und in Anbetracht meiner eigenen Überzeugung finde ich das nicht schlecht.  
Paul: "Wir, also Mama und ich, glauben aber nicht an sowas. Wir denken, würde es einen Gott geben, hätte er nicht zugelassen, dass ich damals so einen schweren Motoradunfall hatte, bei dem ich mehrmals gestorben bin und er hätte auch nicht zugelassen, dass ich Krebs habe." 

Stille. 

Dann Nina: "Aber vielleicht hat der Teufel den Unfall gemacht und als du im Krankenhaus warst, hat Gott dich wieder gesund gemacht." 

Bämmmmm. 
Treffer. 
Versenkt. 

 

 

 

07.05.2019 
Au Backe... 

Ich komme nach fünf Minuten zurück in die Küche; hatte mit Paul telefoniert und hab ihn auch noch am Ohr. (Er liegt wieder im Krankenhaus. Routine. Nur ein paar Tage.) Hanna und Nina malen fleißig, merken, dass ich rein komme und springen gleich auf: "Mama, guck mal!" und "Mama, das hab ich für dich gemalt.". Nicky hat sich "unbemerkt" ins Wohnzimmer verdrückt. Mmh. Ich schau auf ihren Platz: Knete. Nein, "Intelligente Knete". Die pinke mit Glitzer. Intelligent? Jupp. Steht auf der Einhorn-Regenbogen-Dose so drauf. Die kann man ziehen und schneiden und zersplittern und weiß der Kuckuck, was noch. Besagter Kuckuck lugt nun um die Ecke. Ich ahne. Bestimmt die Klamotten. "Na, watt los?" Nicky: "Mama, jetz aber bitte nich böse sein..." Ja nee, is klar. Werden wohl eher doch nicht die Klamotten sein. Vielleicht die Haare. Bestimmt die Haare. Nicky: "Ich hab mir aus Versehen... naja... ähm..." Ich: "Na watt haste 'aus Versehen'?" Nicky: "Naja, also, ich hab mir aus Versehen, wirklich ganz AUS VERSEHEN die Knete in die Ohren gesteckt." Und nu guckt se mich mit großen, schuldbewussten Augen an. Ich lege das Handy beiseite, zieh mir den Delinquenten ran und gucke. Tatsächlich beide Ohren. Pink und Glitzer. Ich: "Aus Versehen. Soso." Ich schicke Nina und Hanna eine Pinzette holen und schnappe mir eine Schere. Die Haare haben natürlich auch was abgekriegt. Weg damit. Dann versuche ich mit der Pinzette, die "intelligente" Knete (Wäre sie das, wäre sie allein rausgesprungen oder hätte Nicky schon beim Versuch in den Finger gebissen!) rauszukriegen, gebe aber gleich auf. Haftet ziemlich gut. Nur hat diese Einstein-Knete die Eigenschaft, dorthin zu fließen, wo Platz ist. Nice. "Paul, ich meld mich wieder. Muss inne Rettungsstelle." Paul: "Lass mich raten: Aus Versehen?" Ich: "Jupp!" Paul: "Bis später." Ich weise meine Mutter schnell ein: "Zähne sind geputzt, bis halb malen, dann vorlesen und Bett." Nicky steckt einen Finger ins Ohr. Ich: "Watt'n? Willste probiern, ob's auf der anderen Seite wieder rauskommt?" Sie versteht die Rhetorik und nimmt die Hände brav runter. Während sie sich anzieht, rufe ich im Krankenhaus an: "Mein Kind hat sich Knete in die Ohren gesteckt. Kann ich zu Ihnen oder muss ich ins andere Krankenhaus?" (Anm.: Dieses Krankenhaus hat eine HNO-Station, aber keine Kinderstation; das andere hat die Kinderstation, aber keine HNO-Station.) Sie: "Nee, kommen se mal zu uns." Juti, Nicky is bereit, also los geht's. 

Mit Nicky an der Hand trete ich an den Aufnahmeschalter: "Hallochen. Mein Kind hat sich Knete in die Ohren gesteckt. Die hätten wa da gern wieder raus." Alles lacht laut los. Nicky tritt halb hinter mich. Scheint sich wohl n bissl zu schämen. Wir werden gebeten, kurz Platz zu nehmen. Keine zwei Minuten später: "Gehen se mal hoch auf Station. Wir haben Sie angemeldet." Wir laufen los. Raus aus dem Haus, rumlaufen und durch einen anderen Eingang wieder rein. Auf dem Flur zu den Fahrstühlen begegnet uns eine Angestellte im "Nicht-medizinisches-Personal"-Outfit. Sie beginnt zu schmunzeln. Ich ahne. Sie zu Nicky: "Bist du das mit der Knete im Ohr?" Richtig - die Dame vom Telefon. Nicky wird noch etwas kleiner und tippelt etwas schneller. Wir fahren hoch, gehen an den Schwesterntresen und die Dame gleich: "Na, Sie kommen aus der Rettungsstelle, wa?" Ich: "Jupp." Sie zu Nicky: "Und du bist das Mädchen mit der Knete im Ohr?" Nicky schweigt. Sie: "Wie hast'n das gemacht?" Nicky kleinlaut: "Aus Versehen...". Sie bohrt nicht weiter in der Wunde und lotst uns zum Wartebereich. Nicky: "Warum fragt die denn? Naja, manche Kinder sind bestimmt dumm und stecken sich das mit Absicht in die Ohren. Aber bei mir isses ja aus Versehen." Ich: "Jupp. Versehen. BEIDE Ohren. Aus Versehen." Nicky ist aber ausreichend abgelenkt: "Hä, diss sieht ja hier aus wie im Krankenhaus." Nun, man muss dazu sagen, dass sie ohne dieses "Versehen" schon auf dem Weg ins Bett wäre; da läuft der Denkapparat nicht mehr auf Hochtouren. Ich: "Jupp." Der Arzt ruft uns auf. Ich schiebe Nicky vorneweg. Er: "Na?" Nicky geht in die Offensive: "Ich hab mir Knete in die Ohren gesteckt. Aber ganz aus Versehen." Er nickt ab, ist ganz routiniert und ruhig. Sie setzt sich auf den Stuhl, der ihr zugewiesen wird. Er guckt sich die pinken glitzernden Oropax-Kopien an, erzählt, wie seine Töchter Glitter im ganzen Haus verstreuen, saugt den Kram raus, belehrt in ernstem Ton, fummelt noch ein bissl was sauber, brubbelt und belehrt weiter. Nicky ist die Scham deutlicher als je zuvor anzusehen: der Kopf ist hochrot, sie presst die Lippen aufeinander, das Kinn zittert, die Augen werden feucht und sie drückt ihre Plüschkatze fest an ihr Gesicht. Mir wurde mal gesagt, dass "Scham" das schlimmste Gefühl ist, was man in einem Kind auslösen kann. Ich fühle so sehr mit ihr. Ich wische ein Tränchen weg. Sie sich auch. Das zweite Ohr geht schneller. Er: "Das machst du sehr gut. Also das Stillhalten. Nicht das mit der Knete. Das war ähm nicht so gut." Lob ist Lob - sie entspannt sich. Er: "Du kriegst dann bestimmt auch noch eine Belohnung von mir." Nickys Ohren sind jetzt definitiv zu 100 % frei: "Was für eine Belohnung?" Er schmunzelt: "Na ein Gummitier oder so. Ein Lachgummi vielleicht." Nicky schweigt. Dann: "Was hast du noch?" Ich atme erleichtert auf. Sie is wieder die Alte. 

Runter vom Stuhl, Bericht kurz abwarten, Lachgummi kassieren, an "Danke" erinnern und ab nach Hause. Kurz vor'm Auto ruf ich Paul an und geb Nicky das Handy. Er kann sie auf der Fahrt wach halten. Nicht auszudenken, wenn sie mir jetzt so kurz vor'm Bett einschläft.🤦‍♀️ Ich höre zu, wie sie auf dem kurzen Weg 1001 Frage stellt: "Was für ein Kuscheltier hattest du als Kind? Wie groß war es? Was isst du am liebsten? Und was nicht so? Was ist deine Lieblingfarbe?" Ich: "Willst du einen Artikel über ihn schreiben?" Nicky: "Was?" Ich: "Gib ihm einfach dein Freundebuch." (Anm.: Das gute alte Poesiealbum aus meiner Zeit, bei dem die eigenen Worte und Kreativität gefragt waren, ist in dieser Generation durch einen Geheimdienstfragebogen ersetzt worden, bei dem teilweise sogar der Fingerabdruck einzustempeln ist.) Nicky: "Ich will das halt alles wissen." Ich ergebe mich in mein Schicksal, weise ab und zu darauf hin, dass das Handy den Ton gebührend verstärkt und sie nicht schreien muss, als würde sie erwarten, er würde sie über zig Kilometer ohne das Ding verstehen müssen, und kutschiere uns nach Hause. 

Aber nicht diese ganze Show war mein Highlight des Tages, sondern die Therapie-Empfehlung des Arztes auf dem Bericht: "Finger weg von Glitzerknete. ;)" 

Und was wird das Kind daraus lernen? 
Wenn mir die Süßigkeiten ausgehen, steck ich mir Knete in die Ohren. 
Gar nicht so dumm. 
Fast schon intelligent. 

 

 

 

16.03.2019 

Wie ist das so mit einem schwerkranken Mann? 

Die meiste Zeit befreiend schön. 

Klingt komisch? Na passt auf: 

Wer von euch liebt?  
Eine Mutter, ein Kind, einen Partner; egal wen. 

Wie wär's, wenn ihr mit diesem Menschen jeden Tag ganz viel Zeit hättet? Mehr als ein normaler Alltag hergibt? 
Und dann geht er für immer. 
Zu früh. 

Wie wäre es, wenn ihr mit diesem Menschen einen normalen Alltag hättet? Morgens zu flüchtig, abends zu wenig, die Wochenenden zu kurz. 
Und dann geht er für immer. 
Zu früh. 

Ich gehöre zu der ersten dieser beiden tragischen Kategorien. Und es ist die glücklichere. Und deshalb ist mein Leben auf eine befreiende Art schön. 

Wir sind beide Rentner. Und ich will hier betonen: leider! Ich betätige mich als Künstlerin. Daheim; in einem halboffenen Zimmer angrenzend ans Wohnzimmer. Er sitzt dort auf seinem Sessel, guckt etwas, spielt etwas, schläft mehrmals täglich darin ein. Er ist da. Hier daheim. Nicht im Krankenhaus. Sondern hier bei uns. Bei mir. Ich räume ein bisschen, setze mich hin und wieder zu ihm, geh meinen Dingen nach, erledige den Haushalt. Er ist in meinem Augenwinkel. Immer bei mir. Wir brauchen nicht reden. Wir sind da. Beieinander. Füreinander. Wir albern viel herum. Sicher weit mehr, als jeder von euch denkt. 

Seit fast drei Jahren ist sein Krebs in meinem Alltag, in meinem Kopf und in meiner Seele. Und wenn die Ärzte nicht grad was Bedenkliches zu berichten haben, liegt das kleine verhasste rote Tierchen unbeachtet in der Ecke und ist nur stiller Teilhaber.  

Ich sehe meinen Mann natürlich nicht mit den gleichen Augen wie früher. Er war stark, also körperlich. Er hat immer gearbeitet und hier daheim immer geackert. Jetzt ist das Wohnzimmer sein Lebensmittelpunkt. Aber viel mehr als das hat sich auch nicht verändert. Er ist immernoch ruhig, beruhigend, besonnen, geduldig, ehrlich, vertrauensvoll und all die anderen vielen positiven Eigenschaften, deren Auflistung so lang ist, wie die einer verliebten Frau nur sein kann. Und ich bin so verliebt.  

Ich liebe jeden Tag mit ihm. Ich kann sie mehr genießen als je zuvor. Ich werd nicht wegen Belanglosigkeiten sauer. Bin ich verärgert, verpack ich's mit Sarkasmus, wir lachen und fertig. Ich wage zu behaupten: wer 24/7 beieinander ist und nicht eine Minute gehen möchte, der liebt wirklich.  

Ich selbst bin in den letzten drei Jahren irre gewachsen. Kürzlich stellte jemand die Frage, wie ich das alles verkraften kann. Was sei wohl der Grund. Spontan fiel mir ein: Liebe. Aber es ist mehr und ich bin dankbar für diese Erkenntnis: ich habe Kraft. Mehr als ich ahne. "Du bist so eine starke Frau." höre ich seit vielen Jahren. Unabhängig von den Kids und meinem Mann. Meine Krankheit ließ mich sowas nicht glauben; noch nie.  

Ja, meine eigene Erkrankung ist da ja auch noch. Ich bin seit über 3 Jahren in Behandlung und es werden viele weitere. Ich habe riesige Fortschritte gemacht. Wenn ich mir meine damalige Verfassung vor Augen halte, muss ich ehrlich zugeben: es grenzt an ein Wunder, dass ich heute noch lebe; zumal nach der Diagnose meines Mannes. Auch meine Therapeutin sagte einmal: "Einen solch schweren Fall habe ich selten." Na dann liegt es doch auf der Hand: ich habe Kraft.  

Ich bin stark. 

Über das Dasein als Drillingseltern sagte mir mal jemand, sie glaube, das Schicksal würde genau wissen, wer stark genug für diese besondere Aufgabe ist. So scheint es mit dem Dasein als Ehefrau eines Krebspatienten auch zu sein. Ich schaffe es halt. Ich überstehe das. Egal wie es ausgeht. Ich werde straucheln. Ich werde stolpern. Ich werde fallen. Ich werde manchmal liegenbleiben wollen. Aber Fakt ist: ich werde aufstehen. Immer wieder. Und es wird weitergehen. 

Nicht nur für ihn und meine süßen kleinen Mädchen. 
Sondern für mich. 

Das ist mein Leben.  
Mein Leben zu fünft - mit Drillingen und so viel mehr. 

 

 

 

22.02.2019 

Fast fünf Stunden Indoorspielplatz überlebt - strike!!! 

Gleich zu Beginn hole ich Wasser und etwas zum Essen und watschel zu dem Tischchen, dass ich mir "gesichert" habe. Zu dieser Jahreszeit ist es meist brechend voll, aber ich habe Glück - anfangs ist es so "leise", dass ich mein Räuspern hören kann. Wenig später entdecken meine schon längst ausgeschwärmten Mädels das Essen und stürmen herbei. Eine umgekippte Flasche und halbvolle Teller später rennen sie wieder los. 

Mittlerweile ist es viel voller. Mehrere Kindergeburtstage finden hier heut statt. Ich hole ein Buch raus und lese. Ja, bei dem Lärm lässt es sich gut lesen. Man hört ja im Prinzip kein Wort, auf das man sich konzentrieren müsste, sondern nur ein lautes (laaaaautes) Rauschen. Es ist zu vergleichen mit Axt und Kreissäge - das unregelmäßige Wummern nervt mehr, also das im Großen und Ganzen monotone Dröhnen. 

Die Zeit vergeht. Ein paar Mal versucht ein Angestellter den Tisch abzuräumen, aber ich lehne energisch ab. Meine Mädels gucken ihre Reste kaum mit'm Arsch an, aber sie haben ein seeehr gutes Gedächtnis. Wenn ihr Essen weg wäre, bekäme ich den Anschiss meines Lebens. 

Die ersten drei Stunden vergehen schnell und da die Kiddies recht brav sind, beschließe ich, bis zum "bitteren Ende" durchzuhalten. Wenn "Wir schließen in zehn Minuten" durch die Lautsprecher hallt, hab nicht ich den schwarzen Peter, sondern der Unmut richtet sich gegen den plötzlich "total doofen" Spielpark. (An diese Einstellung können sie sich dann aber nicht mehr erinnern, wenn sie schon ein paar Tage später quengeln, wieder her zu dürfen.) 

Rund eineinhalb Stunden vor "Ladenschluss" wird es hektisch. Die Kindergeburtstagsgäste werden durch die Lautsprecher zum Abendessen gebeten. Ich glaube drei oder vier sind es heut. Die "Rotten" rennen nach und nach zu den gedeckten Tischen. In die bis dahin recht entspannt plaudernden, hin und wieder tröstenden Eltern kommt Unruhe. Die Minis schlingen und rennen dann wieder los. Der Drang möglichst schnell wieder zu spielen bewahrt sie vor allzu vollen Bäuchen und damit vermutlich die Eltern vor vollgekotzten Kindern.  

Kurz darauf macht sich Aufbruchstimmung unter den Meisten breit. Sie scheinen den Trick mit der Lautsprecherdurchsage nicht zu kennen und rennen den Kindern lange hinterher. Letztendlich verlassen sie nicht viel früher als ich die Halle. Ich dafür entspannter und "unschuldig" - Mama kann ja nix für die Öffnungszeiten. Mama hat uns sooo lange spielen lassen. Mama kauft uns wieder nix aus dem Süßkram-und-Trödel-Greifarm-Automaten, den wir so vergöttern. Aber trotzdem: heut ist Mama die Beste. 

Zumindest bis ich beim anschließenden Einkauf verbiete, das ach so süße Kuscheltier und die verlockend bunten Kinderzeitschriften mitzunehmen.  

Tjaja; wieder ein Tag Muddi-Dasein überlebt. Die nächsten 12 Jahre schaff ich auch noch. Moment - elfeinhalb. Na das sitz ich auf der linken Arschbacke ab.🤣 

 

 

31.01.2019 

Und wieder traf ich auf diesen seltsamen Typ Mensch, der in mir auslöst, was nicht viele auslösen. Aber sie werden mehr. Oder ich verändere mich... 

"Wie geht's dir?" ist heuzutage - und das erwähne ich nicht zum ersten Mal - mehr eine inhaltlose Höflichkeitsfloskel wie "Hallo", als ernstes Interesse. Aber es gibt Menschen, die das auch so meinen. Die an der Antwort wirklich interessiert sind. Oder sie lösen in mir Ehrlichkeit aus. Whatever. 

Da hock ich also auf der Bank in der Turnhalle und schaue meinen Mädels zu, wie sie ihrem Trainer das Leben schwer machen. Ich ermahne und ermahne. Teilweise nehmen sie mich nicht mal mehr wahr. Da stiefelt die Schwiegermama meiner Tochter (Hanna will doch den Falk heiraten, der nach Ninas Plan dann aufm Sessel schlafen soll) zu mir. Fragt wie es mir geht. Ich zöger nicht lange, denn ihr Interesse ist echt, das weiß ich. Ich berichte, dass Pauls Lunge und deren Pilzbefall trotz Absetzen eines Medikamentes Ruhe geben und die Lungen-OP somit noch aufgeschoben ist. Dass trotzdem jeder Tag hart und kräftezehrend ist. Sie bietet Hilfe an. Egal was und wie. Wir kennen uns "nur" durch die Kinder. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mir im Fall der Fälle dort wirklich Hilfe holen kann. Das ist schön.  

Aber wieder sperrt sich etwas in mir, tiefere Gefühle zu zeigen. Ich stecke in diesem "Alles Paletti"-Modus, den ich brauche um durch den Tag zu kommen. Wenig später - sie lässt mich spüren, dass sie die Schwere meiner Situation erkennt - sage ich zu ihr, dass ich das alles weniger gut wegstecke, als es scheint und dass ich kurz vor'm Zusammenbruch stehe. Dass ich einfach nur losheulen möchte. Ich reiße mich zusammen, denn am Spielfeldrand und im Beisein der Kinder möchte ich nicht weinen... 

Wir kommen später zuhause an und am Abendbrottisch sitze ich teilweise wie leer zwischen den Kindern. Dass ich so nah an meine eigenen Gefühle gekommen bin und dass mir klar wird, dass ich wieder drauf und dran bin, zu viel zu unterdrücken - Tränen, Kummer, Ängste -, setzt mir zu. Ich dachte, ich bin recht stabil. Aber das Selbst-belügen und Schönreden schaltet sich automatisch ein. 

Ich muss meinen Schwager, der zum Glück da ist, bitten, sich gemeinsam mit Paul um die Kinder zu kümmern. Mir fehlt die Kraft. 

Dachte ich jedenfalls... 

Denn wenig später hat meine kleine Nicky wieder einen heftigen Wutanfall. Sie brüllt, kreischt, weint, tobt, wütet. Ich lasse sie gewähren. Und dafür brauchen ich immens Kraft. Meine Instinkte sagen mir 'Setz sie vor die Tür'. Die Gewohnheiten der Generationen vor mir sagen, 'ein Arschvoll hat noch keinem geschadet'. Aber ich bringe genug Kraft auf um mich trotz all des Gebrülls und dem "Hass" der mir entgegenschlägt in sie hineinzuversetzen. Und sofort weiß ich, sie kommt da nicht raus. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Wie sie mit den Gefühlen umgehen soll. Wie sie die Wut unterdrücken, vermeiden oder bekämpfen soll. Dabei muss sie raus. Unterdrückte Gefühle machen die Seele krank. Es ist, als würde man einen luftgefüllten Wasserball mit aller Gewalt unter Wasser drücken - es kostet so viel mehr Kraft, als man auf Dauer aufbringen kann. Und Wut ist legitim. Also lass ich sie gewähren. Ich lasse sie wüten und brüllen und toben. Und als sie vor Erschöpfung stiller wird, ziehe ich sie auf meinen Schoß. Sie wehrt sich heftig. Aber das ist es, wss ich an ihrer Stelle brauchen würde. Ich umarme sie fest, bedecke ihre Ohren, damit sie weniger Reize hat und summe. Sie entspannt sofort. Lässt sich fallen. Schmiegt sich an mich. Ich beginne leise zu singen. Fools Garden, Beatles, Jim Knopf, Arielle; was mir so in den Sinn kommt. Sie wird schwerer. Lässt völlig los. Entspannt. Wird ruhiger. Sammelt sich. Lässt die Wut davon treiben. Wie einen luftgefüllten Wasserball auf der Wasseroberfläche. 

Und es ist vorbei. 
Mit Einfühlsamkeit und Liebe. 

Aber letztlich und entgegen ihrer Instinkte auch mit 'Zulassen'.  
Hilfe zulassen.  
Zuwendung zulassen.  
Vertrauen zulassen.  
Zuneigung zulassen.  
Eigene Schwäche zulassen.  

Alles Dinge, die mir selbst instinktiv fremd sind. Die ich lernen muss. Ich weiß, ich brauche sie. Aber ich bin so nicht gemacht.  

Meine Nicky und ich können noch viel voneinander lernen. 

Vertrauen in aufrichtiges Interesse. 
Hilfeangebote nicht als Floskel sehen, sondern ernst nehmen. 
Zuneigung wahrzunehmen. 
Zuwendung zulassen. 
Eigene Schwäche verzeihen können. 

Noch immer liegt ein weiter Weg vor mir. Aber ich habe schon viel erreicht. Nach bereits drei Jahren Therapie bin ich soweit, dass ich nicht mal daran denke, mich selbst zu verletzen. Selbstmordgedanken sind mir völlig fremd. Ich bin mir dieser Erfolge immer öfter bewusst. Ich bin nachsichtiger mit mir. Ich akzeptiere mich immer öfter. Ich will mir seltener schaden. Ich verachte mich weniger. Ich bin manchmal sogar nahezu zufrieden mit mir. 

Ja ich bin sogar dankbar dafür, Borderliner zu sein. Ich durfte viel über mich, meine Erkrankung, deren Vielschichtigkeit und die Methoden damit umzugehen, lernen. Diese Selbstreflektiertheit macht mich zu einer besseren Mama. Insbesondere für Nicky, die mir in so vielem ähnelt.  

Und so hat alles, aber auch wirklich alles im Leben sein Gutes. Sogar Pauls Krankheit - dass unser gemeinsames Leben härter und vielleicht kürzer als das anderer Paare ist, schenkt uns eine Wertschätzung des Hier und Jetzt, die sonst im Alltagsstress untergeht. Ich habe nie mehr als jetzt genossen, neben Paul aufzuwachen. Jeder Morgen könnte der letzte sein; wenn nicht für immer, so doch aber für Wochen. Wir albern mehr, als man meinen sollte. Jeder Moment der sich nach Unbeschwertheit anfühlt, wird mit Albernheiten gefüllt. Ich habe trotz der verkürzten Lebenserwartung meinen Mannes unterm Strich mehr Zeit mit ihm, als jedes andere Paar. Denn ich nutze sie. Ich erlebe alles intensiver. Ein Lächeln ist wie ein Sonnenaufgang. Warm und groß und kostbar und einzigartig. Eine Umarmung ist wie sich frisch verlieben. Nichts im Vorübergehen. Nichts nebenbei. Sondern immer ein ganzes Wunder... 

Öffnet die Augen für das, was ihr habt. 
Gebt den Wünschen und Träumen nicht so viel Raum, dass euch Nichterfüllung das Leben trüben kann. 

Freut euch eures Lebens. Es ist so kurz. Und nur dieses eine... 

 

 

 

24.01.2019 

Wir schauen "The Expendables". 
Actionfilm. Schießfilm. Knarren, Muckies, coole Typen. 

Pah! 

Der Hauptdarsteller, dieser Ricky ähm Rocko ähm Rocky-Rambo-Dingsda is für mich ne Nullnummer. Schwerfällige Bewegungen. Gesicht wie n Blumenkohl nach ner Viertelstunde auf 250 °C. Muskeln an Stellen, wo sie so natürlich wirken wie n übertapeziertes Kabel aufm Putz. Nich mein Ding. Aber gut; wenn ich "Bubble Guppies" mit den Mädels gucken kann, werd ich das auch überstehen. 

Es startet mit ein paar düster-geheimnisvollen Szenen, ein auf dicke Hose machender Irrer, der von den Helden beim Posen überrascht wird. Sie kriegen sich in die Wolle und die Guten bespucken die Bösen mit etlichen Ladungen Munition und weiß der Kuckuck was noch. Es rumst. Es ächzt. Dann wird's ruhig. Bestandsaufnahme. Die Guten sind noch komplett. Die Bösen sind tatsächlich auch noch gut aufgestellt. Echt jetzt. Für diese Ballerei haben erstaunlich viele noch die Augen offen.  
Ich: "Echt jetzt??? Kaum ein Treffer???"  
Paul fängt an zu bereuen.  
Die Typen auf der Mattscheibe diskutieren kurz und setzen dann zirka n Dutzend präzise Schüsse.  
Ich: "Mussten se sich erst warm ballern oder watt?"  
Paul: "Ich hätte es wissen sollen."  
Ich öffne Solitär aufm Handy und versorge mein Hirn mit etwas Beschäftigung. Auf der Mattscheibe dödeln sie vor sich hin. Es stellt sich heraus, dass mal wieder der Kommunismus besiegt werden muss. Eine Art Bond-Girl wird der Story auch noch hinzugefügt. Das Gesicht so herb wie n Kerl.  
Ich: "Also die Rolle der Frau hätten sie nun aber echt mir ner Frau besetzen können."  
Ab diesem Zeitpunkt weiß ich nicht mehr, warum wir dafür Stromkosten verplempern. Im Verlauf des Filmchens gähne ich immer mehr; am Ende gut und gern minütlich. Das hab ich sonst nur, wenn ich den Kiddies ihre Gute-Nacht-Geschichten vorlese. Irre. Naja, es rumst weiter. Schießen, bluten, sterben. Manchmal auch schießen, sterben, bluten. Bis ein Typ mit ner größeren Waffe durch die Gegend latscht. Es macht nicht peng peng peng, sondern BÄHM BÄHM BÄHM.  
Ich: "Also sollte ich mir jemals eine Waffe kaufen, will ich so ein Teil."  
Das is so mein Highlight des Films. Ansonsten zerreiße ich den Film mit meinem Kommentaren in der Luft. Als der Abspann läuft, frag ich Paul, welchen Film ich ihm jetzt versauen soll, kriege aber nur noch ein erschöpftes Grummeln.  
Ich: "So, ich geh ins Bett. Guck dir mal was Anspruchsvolleres an. Spongebob oder so." 

Nun sind wa froh, dass wa zwei Fernseher haben und dass die auch noch recht weit auseinander liegen. 

 

 

 

21.01.2019 

Nachdem wir seit Monaten 'Aufräumen' als obersten Tagesordungspunkt bei jedem Familienrat haben, hab ich heut Nägel mit Köpfen gemacht. 80 % des Spielzeuges steht nun in Kisten in unserem Schlafzimmer. Ich erwarte das größte Donnerwetter ever.  

Aber erstmal einkaufen. Mit den Kurzen. Ohne Wagen, weil ich keine Lust auf Rammeleien wie beim Autoscooter aufm Volksfest habe. Schließlich geh ich ja mit acht Armen einkaufen. Das erste "Mama" kommt von Hanna. Sie steht vor den Zuckerschaum-auf-Waffel-mit-Schokoladenüberzug-Dingern/ Zuneigungsbekundung mit Migrationshintergrund/ politisch unkorrekten Negerküssen und guckt wie ein Dackel. Sie leckt sich sogar die Schnute. Ich gucke einmal um sie rum, ob ihr auch ein wackelnder Schwanz gewachsen ist. Nein. Nun stelle ich mich dazu. Nicky und Nina glotzen auch. Ich: "Sieht lecker aus." Drei Mal zustimmendes "Mmhmmh". Ich: "Nö!", dreh mich um und geh weiter. Ein kurzes "Mann Mama." aus einer der frechen Schnuten und dann das übliche Abfinden mit Mamas fragwürdigem Humor. 

Hanna klammert sich an meiner Hand fest. Ich löse mich, tüte ein Brot ein und drück es ihr in den Arm. Klammern hinfällig. Dann entdecken sie Sahnehering, starten das Bettelprogramm und stutzen nach einem wie aus der Kanone geschossenem (und vor allem nicht hart erjaultem) "Jo." von mir. Nicky: "Was?" Ich: "Ja" Nicky: "Oh". Ich überlege; Paul kanns nicht essen, ich hab meist nach einem Bissen genug von dem sauren Zeugs, also: "Nimm drei." Und weiter gehts. Eis steht aufm Plan. Das einzige Essen das Paul eher gut tut, als ihm nur Schmerzen zu bereiten, denn die Speiseröhre ist entzündet und wund. Ich denke nochmal kurz über die Entscheidung mit dem Einkaufswagen nach, sehe dann aber Ninas Handschuhe und drücke ihr zwei Becher in die Arme. Unterwegs nen Brokkoli geschnappt und ab zur Kasse, zum Auto und nach Hause.  

Daheim ab in die Stube, die drei Angeklagten vor uns, der Staatsanwalt schweigt und nickt nach und nach ab und die Richterin verkündet das Urteil und gesteht dessen Vollstreckung. Dann gehts los: Jammern bei Nicky. Ich: "Hör uff zu jammern." Nicky jammernd: "E jamma gaaa neee." (Übersetzt: "Ich jammer gar nicht.") Ich deute auf ihren Mund: "Deine Lippen bewegen sich und du beschwerst dich. Das is Jammern." (Game of Thrones, Staffel 7, Folge 6, bei ca. 4:45 Minuten - Da behaupte noch einer, Fernsehen bildet nicht.) Sie dreht sich bockig weg. Hanna und Nina sind dagegen recht gelassen. Merkwürdig. 

Wir gehen hoch zum Tatort. Ich erläutere hier und da was. Ein Kreischen von Nina: "Guck mal, von Dornröschen sind ja ALLE DREI Feen da." Ich stutze und stelle das auch mimisch dar. Nina: "Cool wa, Mama?" Ich nicke. Hanna: "Oh meine alte Puppe. Und die Nuckelflasche. Nina guck mal, mein Baby trinkt." Meine Stimmbänder versagen. Nicky: "Das sieht so schön aus hier." Ich dreh mich um und geh. 

Unten angekommen berichte ich. Dann setze ich mich, starre benommen vor mich hin und meine zu Paul: "Also entweder halluziniert mir mein Gehirn zu Selbstschutzzwecken grade die Welt widdewidde wie sie mir gefällt oder die ganze Maßnahme is ihnen rille. Und die erste Variante erscheint mir mit Abstand am wahrscheinlichsten." 

Wir schweigen. 
Sie spielen. 
Ohne Streiten. 
Irre. 

Dann Abendbrot. Zum x-ten Mal ist der Ellbogen auf dem Tisch. Reden nützt nix, also klopf ich mit dem Löffel dagegen. Nicky guckt mich verwirrt an und startet das Jaul-Programm. Mein Hirn erinnert mich an den Musikantenknochen und ich bereue. Ein wenig. Naja, es reicht für: "Entschuldige bitte." Sie sofort: "Schon ok. Is doch nicht schlimm." Ich kalt und trocken: "Dann heul nich!" 

Dann wieder spielen. Nina und Hanna sind schon oben; Nicky trottet hinterher. Ich: "Nina und Hanna - einer von euch muss seine Stiefel noch wegräumen. Flotti." Nicky dreht um und räumt sie weg. Ich rufe nach oben: "Nicky hat sie weggeräumt. Könnta euch mal bei ihr bedank..."; weiter komm ich nicht, denn da brüllt es im Chor: "Danke liebe Nicky." Mir verschlägt's die Sprache. Nicky: "Ach das mach ich doch gern für meine lieben Schwestern." Dann wackelt sie hoch. Ich stehe noch etliche Augenblicke und starre auf den Fleck, auf dem das eben stattfand.  

Dann drehe ich mich langsam zu Paul, plimper mehrmals mit den Augen, schnipse vor meinen Ohren und komme zu dem Ergebnis, dass die hierfür entscheidenden Sinne funktionstüchtig sind. Ich: "Bring mich in die Klapse. Hier passiert irgendwas ganz merkwürdiges." Paul: "Es muss ansteckend sein. Ich hab die gleichen Symptome."  

Zickiges Gebrüll von oben. 

Wir schauen uns an, schließen die Augen, atmen tief ein und lehnen uns entspannt zurück.  

Alles wieder im Lot. 

 

 

 

19.01.2019 

Monatelang war mein Blog inaktiv. Ein Grund war, meine Geschichten für ein eventuelles Buch zu sammeln. Das hat aber nur bewirkt, dass ich gar nicht mehr schreibe. Wenn man muss, verliert man den Spaß. Und der Spaß am Schreiben ist mir wichtiger als möglicher kommerzieller Erfolg, das weiß ich nun. 

Ein weiterer Grund ist die Krankheit meines Mannes, die unseren Alltag derart beherrschte, dass an Zeit zum Schreiben nicht zu denken war.  

Wenige Wochen nach der Transplantation kam Paul im September für 6 Wochen ins Krankenhaus. Die vermeintlich leichte Lungenentzündung wurde eine schwere, gegen die lange kein Medikament half. Ein Pilz sitzt bis heute in beiden Flügeln. In naher Zukunft entscheidet sich, ob die Lunge operiert und Teile entfernt werden müssen. Wir hoffen, dass das nicht sein muss. Das würde wieder mehrere Wochen im Krankenhaus bedeuten und momentan fühlt sich der Alltag endlich einigermaßen normal an. Die Mädels kommen zur Ruhe, Weihnachten und den Jahreswechsel haben wir zusammen verbracht und genießen einfach unser Beisammensein.  

Der Krebs ist im Blut und Teilen den Knochenmarks nicht mehr nachweisbar. Das ist sehr sehr gut. Die Folgen der Transplantation gilt es jetzt im Zaum zu halten: Zeichen von Abstoßungsreaktionen an Leber und Haut, Schäden an Leber und Niere durch die Vielzahl an Medikamenten, nahezu kein Appetit, massiver Muskelabbau und Schmerzen. Auch nur eines der vielen Medikamente dauerhaft abzusetzen ist nicht in Sicht. Es ist wie sie sagten - mit der Transplantation allein ist es nicht getan. Das ist nur der Anfang. Der erste Schritt. Es ist eine schwere ungewisse Zeit für uns alle und nach wie vor ist das Ende offen. 

Familie, Freunde und Bekannte unterstützen uns und sei es mit Zuspruch. Der ist in so manchem Tief so heilsam.  

Gehört das alles in einen überwiegend lustigen Blog? Ja, denn der Titel lautet nicht "Happy life with triplets". Es geht um mein Leben zu fünft; um mein Leben mit allen Höhen und Tiefen. Dass es hier trotz aller Hürden meist lustig zugeht ist mein großes Glück und hält mich auf Zack. Der Blog und das Schreiben dafür hilft mir, alles Positive in den Fokus zu rücken und das Negative klein zu halten. Aber nur Friede-Freude-Eierkuchen ist unrealistisch.  

So ist das Leben.  
Mein Leben. 
Und es ist gut, so wie es ist. 
Es ginge besser, aber auch weit schlechter. 
Ich bin dankbar für gewonnene Kämpfe, die mir das Schicksal zugedacht hat und die mich gestärkt und belehrt haben.  
Ich bin dankbar für jeden neuen Tag an dem ich Mama, Ehefrau und auch einfach nur ich sein darf.  
Auch wenn's manchmal noch so schwer ist; ich versuche mein Leben zu genießen und will lernen, das beste daraus zu machen.  

Das Schreiben ist ein Teil von mir. Wenn mir der Blog hilft, diesen Teil am Leben zu halten, wird es ihn weiterhin geben.  
In diesem Sinne: Ich bin wieder da! 

 

 

 

15.1.19 
Nina übernachtet bei meinen Eltern (gleiches Grundstück, andres Haus) 
Nina: "Mama, ich hab eine gute Idee." 
Ich: "Na dann erzähl mal." 
Nina: "Also wenn Oma und Opa tot sind und wir schon groß sind..." 
Ich setze mich, denn Zukunftspläne schmieden dauert. 
Nina: "...dann schlafen Hanna und ich in Omas und Opas Bett und Nicky aufm Sofa." 
Ich: "Aha... Aber Hanna will doch den Falk heiraten und der muss ja dann auch irgendwo schlafen." 
Nina überlegt kurz: "Mmh. Stimmt. Na gut, dann darf er hier aufm Sessel schlafen." 
Sie schiebt den Hocker davor: "Der wird ja wohl noch wachsen." 
Ich: "Denke auch. Aber sollte Hannas Mann nicht bei ihr schlafen?" 
Nina: "Nein, das is ja meine Hanna." 
Ich: "So so. Und dein Mann?" 
Nina: "Na in dem anderen Sessel." 
Sie drapiert das nächste Sessel-Hocker-Bett zurecht. 
Ich: "Und Nickys Mann?" 
Nina: "Nicky heiratet eh nicht." 
Ich: "Ach..." 
Nina: "Die is doch so zickig." 
Ich: "Na dann brauch sie nen Mann, der damit klar kommt." 
Nina guckt skeptisch. 
Ich: "Ja, die solls geben." 
Ninas Gesicht sagt: 'Ja is klar und Einhörner kacken Regenbögen.' 
Dann scheint ihr ein Licht aufzugehen: "So einen wie Papa; der kommt ja auch mit dir klar." 

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